Leer

Jahrhundertelang waren Oldenburger und Ostfriesen wie Katz und Hund, jenseits der Stammesgrenzen begann das „feindliche Ausland“. Jetzt ziehen sie an einem Strang. Ihr gemeinsamer Kampf gilt dem vom Bundesverteidigungsministerium im Westermoor geplanten Luftwaffenübungsplatz. Zwischen der ostfriesischen Kreisstadt Leer und dem Küstenkanal liegt dieses unwegsame Gebiet im nördlichen Teil des oldenburgischen Kreises Cloppenburg, nur etwa 30 Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt. Die Einflugschneisen für die Düsenjäger würden – wie überall in der dichtbesiedelten Bundesrepublik – über Städten, Dörfern, Schulen, Krankenhäusern liegen.

Zehntausende fürchten sich vor der Lärmdusche durch Tiefflüge, bangen um Leben und Gesundheit, denken aber auch an handfeste wirtschaftliche Interessen im Hintergrund. Eine bevorzugte Erholungslandschaft könnte durch ständigen Düsenlärm zur Einöde werden. Die Bemühungen um Industrieansiedlungen, für das strukturschwache Ostfriesland mit seinen ständig hohen Arbeitslosenquoten eine Existenzfrage, wären von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt.

Nur bruchstückweise gelangten spärliche Informationen an die Öffentlichkeit. Bonn schwieg sich aus, und Niedersachsens Innenminister Lehners tat ebenfalls nichts zur Beruhigung der Bevölkerung. Halbwissen durch mangelhafte Information wurde zum guten Nährboden für mannigfache Gerüchte („die Jets fliegen bereits“) und emotionsgeladene Spontanaktionen. Bürgerinitiativen gegen den Bombenabwurfplatz wurden gegründet, Schulen blieben tagelang geschlossen, Bauern, Werftarbeiter, Schüler gingen auf die Straße. Bundesstraßen wurden blockiert, Autofahrer mußten stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen, das Ferienland Ostfriesland war auf der Straße kaum noch zu erreichen. „Wi will’n kin Bomben“ – so einfach drückte es ein mit dem Traktor demonstrierender Bauer auf dem mitgeführten Transparent aus.

Die aus ihrer sprichwörtlichen Ruhe aufgeschreckten Ostfriesen holten sich Rat bei den Anwohnern des Teufelsmoores nördlich von Bremen. Dort hatten sich die Bürger mit Erfolg gegen den geplanten Luftwaffenübungsplatz gewehrt. Ob indes das Wutgeheul der Ostfriesen den Düsenlärm der vorhandenen Militärflughäfen in Jever und Wittmund übertönt und auch in Bonn und Hannover gehört wird, bleibt fraglich. Innenminister Lehners vermied bisher jegliches Versprechen. Er meinte lediglich, daß alle Träger öffentlicher und privater Belange Gelegenheit haben würden, sich zu dem Vorhaben zu äußern. Aber: „Die Landesregierung muß vielmehr auch berücksichtigen, daß die Lasten, die uns im Rahmen der nationalen und internationalen militärischen Verpflichtungen auferlegt sind, möglichst gleichmäßig und in zumutbarem Rahmen verteilt werden müssen.“

Schon regen sich radikale Kräfte, denen es nicht mehr um den Bombenabwurfplatz geht, sondern um Grundsätzliches. Der AStA der Pädagogischen Hochschule Niedersachsen, Abteilung Oldenburg: „Der Zweck der NATO und der mit ihr verknüpften Bundeswehr, die Verteidigung der Freiheit, ist angesichts der versuchten, systematischen Ausrottung der Völker Indochinas durch die USA und durch die Unterstützung der faschistischen und diktatorischen Regierungen in Spanien, Portugal, Griechenland und der Türkei durch NATO-Staaten unter Führung der USA als Lüge entlarvt worden.“

Kurt Wilken, Redakteur der Ostfriesen-Zeitung