Der neue VW: Abbild des Audi 80

Horst Backsmann, VW-Vorstand für Public Relations und Presse, betonte Konzernwettbewerb und Individualität, Baukastensystem und Differenzierung. Im übrigen war er sorgsam bemüht, einen Namen zu vermeiden, der sich auch einem unvoreingenommenen Betrachter geradezu aufdrängte: Audi. Denn bei der Premiere des neuen VW-Mittelklassewagens „EA 400“, inzwischen auf den Namen Passat getauft, wurde offenbar, was die Gazetten schon seit langem vermuteten: Er verkörpert ein getreues Abbild des Audi 80, jenes Senkrechtstarters aus Ingolstadt, der sich innerhalb Jahresfrist an die dritte Stelle der bundesdeutschen Zulassungszahlen katapultierte und der für Audi ein glänzendes Jahresergebnis 1973 erwirtschaften wird und für den im Augenblick 100 000 Bestellungen vorliegen.

Wieder wurde der 5000-Mann-Konstruktion in Wolfsburg ein Wagen von außen gewissermaßen aufs Auge gedrückt. Wieder wurde mit heiligen Traditionen gebrochen: Die Zukunft liegt in Wasserkühlung und Frontantrieb. Und anders als bei praktisch allen anderen Premieren ergriff auch diesmal kein VW-Techniker das Wort, dem geneigten Publikum das neueste Produkt zu erläutern. Wenn die Zeichen nicht trügen, wird er auch das nächste Mal schweigen: Auch der EA 337, nächstes Jahr in der Käfer-Klasse fertig, entstand unter Diplomingenieur Ludwig Kraus im Bayerisch-Oberschwäbischen.

Anders als der K 70, den NSU noch mit in den Konzern gebracht hatte, hat der Audi 80 seine Bewährung bereits hinter sich. Mehr noch: Ihm, dem vielfachen „Auto des Jahres“ 1972, werden fast nur gute Eigenschaften bescheinigt: Raum, Komfort, Sparsamkeit.

Von vorn, von innen und vor allem in der Technik gleicht der Passat dem Audi 80 wie ein Ei dem anderen. Wolfsburg hat der Stufenheckkarosserie des Originals lediglich eine neue Rückfront geschneidert, von Badesmann als „Italo-Design“ apostrophiert: Giorgio Giugiaro, bekannt vom Alfasud, führte den Stift, der dem Passat ein schräges Heck nach Art des Hauses bescherte, mit betonten Stegen seitlich und einer etwas eingezogenen Scheibe. Anders als dem Passat-Vorläufer 1600 TL, dessen Buchstaben zuweilen als „Traurige Lösung“ verstanden wurden, muß man dem Passat eine wohlgelungene Form bescheinigen. Besonders dem Viertürer, bei dem das etwas massige Heck vom dritten Seitenfenster aufgelockert wird. Ein erfreulicher Anblick ist auch der Variant, dessen ebenfalls abgeschrägtes Heck nur noch wenig nach „Gemüsehändler-Kombi“ aussieht.

Das Schrägheck führt im Vergleich zum Audi 80 zu einem etwas größeren Kofferraum (490 gegenüber 450 Liter), der sich mit seiner tieferen Klappe viel besser beladen läßt. Der Knick in der Dachlinie liegt weiter zurück, beim Viertürer muß man hinten nicht so den Kopf einziehen, um einzusteigen. Die Innenmaße sind gleich: der Passat als vollwertiger Fünfsitzer, in dem man auch hinten passabel untergebracht ist. 450 kg (beim Viertürer 425) kg Zuladung reichen gut für vier Personen samt Urlaubsgepäck.

Innen änderte sich gegenüber dem Audi 80 bei oberflächlicher Sicht nichts – das dachförmige Polster im Lenkrad trägt die Wolfsburg statt der vier Ringe der Auto Union. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man neue Sitze mit weit besserem seitlichen Halt; sie stehen, wie heute in Wolfsburg üblich, auf drei Beinen. Man vermißt dafür einen elektrischen Scheibenwäscher, den es im Audi bereits in der L-Version gibt (VW erst TS), man vermißt weiter den abblendbaren Innenspiegel, der bei Audi auch schon den L ziert. In beiden schließlich wird eine akustische Blinkerkontrolle vermißt, die grüne Kontrolleuchte fällt am Tag kaum auf. Doch abgesehen von solchen Kleinigkeiten läßt der Passat erfreuliche Kleinarbeit erkennen: Der Heckscheibenrahmen besitzt eine Wasserablaufrinne, so daß vom Fahrtwind über das Dach getriebenes Wasser nicht über die Scheibe läuft, die Türschlösser besitzen Kunststoffauflagen, mit denen sie besonders leise arbeiten, der Schalthebel funktioniert dank einer neuen Übertragung zum Getriebe präziser, und die Motoren arbeiten mit einer neuen Aufhängung ruhiger. Im ganzen aber sind die Unterschiede zum Audi gering.