Das Kino ist die Abfallgrube des zwanzigsten Jahrhunderts: tritt irgend etwas Niedriges zwischen zwei Menschen, so ist das Ende stets ein Filmtheater. Henry de Montherlant

Appell an Böll

Andrej Amalrik, oppositioneller sowjetischer Historiker und seit drei Jahren wegen „Verleumdung der Sowjetunion“ in einem Lager der fernöstlichen Provinz Magadan interniert, hätte am 21. Mai freigelassen werden müssen. Statt dessen jedoch wurde eine neue Untersuchung gegen ihn eingeleitet; was ihm vorgeworfen wird, ist wiederum Verleumdung der Sowjetunion. Ihm droht noch einmal die gleiche Strafe. In einem Offenen Brief verwandte sich der russische Kernphysiker Andrej Sacharow, der nicht nur als Entwickler der sowjetischen Atombombe, sondern als Partisan der Menschenrechte internationales Ansehen genießt, für Amalrik. Der Brief ist an Heinrich Böll als Vorsitzenden des Internationalen PEN-Clubs und Nobelpreisträger gerichtet. Es heißt darin: „Ich bitte Sie, Ihre Stimme zur Verteidigung Amalriks (und des mit ihm verurteilten Ingenieurs Uboschkos) zu erheben. Beider Fall ist nicht allein eine schreiende Ungerechtigkeit, sondern auch ein unzulässiger Eingriff in die Freiheit des Geistes.“ Böll, heißt es, habe seine Intervention in Aussicht gestellt; über ihre Form will er klugerweise schweigen.

Barometerstand in der DDR

Nachdem der SED-Vorsitzende Erich Honecker 1971 die Doktrin „Sozialisten kennen keine Tabus“ verkündet hatte, schien sich in der Kulturpolitik der DDR ein gewisses Tauwetter bemerkbar zu machen. Zu seinen wichtigsten Testfällen wurden Ulrich Plenzdorfs Bühnenstück und Roman „Die neuen Leiden des jungen W.“ und sein Film „Die Legende von Paul und Paula“ sowie Volker Brauns Drama „Kipper“. Wie weit man gehen dürfe, scheint Redaktionen, Lektorate und Dramaturgien im letzten Jahr intensiv beschäftigt zu haben. Im Augenblick dürfte man das Barometer noch genauer beobachten. Auf der letzten, der neunten Tagung des Zentralkomitees nämlich äußerte Honecker nunmehr sein Mißvergnügen über „Mängel und Unzulänglichkeiten“ neuerer DDR-Werke. Direkt erwähnt wurde Brauns Stück, in dem der Satz fällt, die DDR sei das langweiligste Land der Welt. Indirekt tadelte Honecker „Vereinsamung und Isolierung des Menschen von der Gesellschaft“ bei Plenzdorf. Indessen, es war eine vergleichsweise milde Rüge, erklärt und eingeschränkt durch die Feststellung, der Sozialismus fordere nicht „den Verzicht auf jede Individualität der Menschen, wie die Feinde behaupten, noch Askese“. Wenn Honecker dafür sorgt, daß seine Anmerkungen nicht als Befehle verstanden werden, hätte er einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, daß die DDR nicht wirklich wieder zum langweiligsten Land der Welt wird.

Autoren wählen Bücher

Die drei Berliner Filialen der Buchhandlungskette „montanus“ hatten einen Einfall: Sie forderten siebzehn Schriftsteller auf, einige Neuerscheinungen nennen, die unbedingt im Sortiment geführt werden sollten. Die siebzehn (Astel, Baumgart, Buch, Delius, Fichte, Fuchs, Grass, Herburger, Johnson, Jeanette Länder, Rudolf Hartung, Lange, Raddatz, Rühm, Runge, Stiller, Zwerenz) zeigten sich sehr breit interessiert: Sie nannten nicht weniger als 280 Titel; 23 davon wären anders nicht ins „montanus“-Sortiment gelangt. Mit je zehn Stimmen waren die beiden meistgenannten Neuerscheinungen: Brechts „Arbeitsjournal“ und Max von der Grüns Roman „Stellenweise Glatteis“. Dann folgten: Karin Strucks „Klassenliebe“, Ludwig Fels’ Gedichte „Anläufe“, die Neuausgabe von Elias Canettis „Masse und Macht“, Franz Josef Degenhardts Roman „Zündschnüre“, Kurt Martis politisches Tagebuch „Zum Beispiel Bern 1972“ und Martin Walsers dritter Kristlein-Roman „Der Sturz“. Die Linie dessen, was die Schriftsteller schätzen, scheint demnach mehr oder weniger eine Gerade zu sein.