Von Marietta Riederer

Junger Mann, werden Sie’s denn schaffen?“ Adele Sandrock betrachtete mit hochgezogenen Augenbrauen und sehr genau durchs Lorgnon den eleganten Endzwanziger, der beauftragt war, ihre Garderobe zum Film „Die englische Heirat“ herzustellen. Heinz A. Schulze hat’s geschafft. Er stand gerade am Höhepunkt seiner ersten Karriere, hatte im Tiergartenviertel Berlins in der Styler Straße eine Villa bezogen, vor deren Portal ein livrierter Portier den Damen in drei Sprachen den Weg in die Salons weisen konnte.

Zu jener Zeit lief das Haus noch unter dem Namen Schulze-Bibernell. Da drängten sich die Prominenten der Gesellschaft sowie die Damen der nahe gelegenen Botschaften und wer bei Bühne und Film einen Namen hatte. In der Kundenliste standen Stars der Ufa wie Pola Negri, Renate Müller, Zarah Leander, Marianne Hoppe, Jenny Jugo, Magda Schneider, Anni Ondra und die Flickenschildt. Sie alle wurden von Heinz Schulze als Kostümchef der Ufa beruflich, aber auch privat angezogen.

Es war das Berlin der dreißiger Jahre. Nach Ausbruch des Krieges versuchte man, das Prestige krampfhaft aufrechtzuerhalten. Es galt, kostbare Stoffe zu horten, denn die Kleiderkarten mit ihren sparsamen „Punkten“ komplizierten das smarte Leben. Nur an Hand von Textilkarten konnten Schulzes – er hatte inzwischen seine, langjährige Mitarbeiterin Kiki geheiratet – sich neue Stoffe beschaffen.

Für Heinz Schulze hatte dies alles begonnen, als er mit siebzehn im Jahr 1924 bei Schwabe & Mayer seine Konfektionslehre begann, um nach eineinhalb Jahren vom Hause Gerson am Werdenschen Markt einen Lehrvertrag zu erhalten. Er wohnte bei seinen Eltern, die in Kladow das Hotel „Märkischer Hof“ besaßen. So fuhr er täglich an die zwei Stunden mit Bus, U-Bahn und Straßenbahn, um pünktlich um acht Uhr am Hausvogteiplatz auszusteigen. Das Haus Gerson war eines der größten und vor allem das eleganteste Kaufhaus der Stadt und hatte damals schon 2000 Angestellte: Hier versammelten sich unter dem Protektorat von Frau Stresemann die Damen der Gesellschaft, um den Wettbewerb des „individuell gedeckten Tisches“ zu gewinnen, während zwischen Automobilen von Horch und Maybach die schönsten Mannequins den neuesten Berliner Chic vorführten.

Der junge Schulze, den sich schnell eine gewiefte Konfektioneuse in die Salonabteilung als Hilfe holte, durfte Stecknadeln reichen, „chosen“ und „couleuren“ gehen, was soviel bedeutet wie Zutaten auszusuchen und farblich haargenau passende Stoffe an Hand kleiner Muster in die Modellabteilung zu schleppen. 1928 tauchte Kiki als Modezeichnerin im Hause Gerson auf. Da man mit dem „Kleinen“ sehr zufrieden war, meinte er, eine Erhöhung seines Gehaltes von 175 Mark auf 200 Mark fordern zu können. Als das abgelehnt wurde, ging er. Durch das Herstellen von Ketten und Kappen mit Kikis Hilfe, die er inzwischen kennengelernt hatte, lebte es sich bald besser als bei Gerson.

Als er dann von Jutschenka, dem modischsten Modellkonfektionär Berlins, geholt wurde, erlebte Schulze zum ersten und einzigen Mal in Paris die Turbulenz der Haute-Couture-Schauen. Im Laufe der Jahre machten Heinz Schutzes Modelle mehr als die Hälfte des Umsatzes der Firma aus. Von da an kündigte er alle halbe Jahre, erreichte damit eine stattliche Gewinnbeteiligung – immer den Traum des eigenen Hauses, vor Augen bis ihn Jutschenka endlich unter der Bedingung entließ, weiterhin an seiner Kollektion mitzuarbeiten und auch in Zukunft auf Konfektionsmode zu verzichten.

Endlich, 1934, war es soweit: Das Modellhaus Schulze-Bibernell wurde in einer Zwölfzimmerwohnung der Budapester Straße eröffnet. Die erste Kollektion war für drei Mannequins entworfen. Kiki, die zierliche Blonde; Frau Bibernell, groß, elegant und dunkelhaarig; und als drittes Mannequin immer ein Mädchen, das genau den Trend der Zeit verkörperte.

Nach Kriegsende und nach tagelangen Fußmärschen erreichte Heinz Schulze seine Frau und seine beiden kleinen Söhne endlich in der Ramsau bei Berchtesgaden. „Ich war so reduziert, daß ich zweimal zur Tür reinkommen mußte, damit man mich bemerkte.“

In der Illustrierten „Heute“ erschien bald darauf ein Bildbericht über Heinz Schulze, wie er rund um den Kachelofen an seiner Frau große Abendroben drapierte und, inspiriert von der bayerischen Tracht, Spenzer und Dirndlrock kombinierte. Das staunende Publikum: Bäuerinnen der Nachbarschaft und einige Flüchtlingskinder.

Die erste Schulze-Modenschau, protegiert von Oberbürgermeister Karl Scharnagel, Erich Kästner, Axel von Ambesser und Paul Verhoeven, der die Bestuhlung aus dem Theaterfundus auslieh, fand in einem Atelier in Schwabing statt. Sie wurde zum ersten Modeereignis der Münchner Nachkriegszeit. Das endgültige Wohnviertel Schutzes sollte Bogenhausen werden. Um Verwechslungen auszuschließen, fügte er seinem Namen die Bezeichnung Varell zu, der auf den Geburtsort seiner Frau hinweist. Zweimal jährlich finden nun die festlichen Abendpremieren in den modernen Schauräumen oberhalb der Werkstätte desselben Hauses statt. Wie einst in Berlin ist der Ablauf der Schau eine Inszenierung für drei verschiedene Frauentypen; Regie und Ansage: Heinz Schulze.

Bald darauf läuft dieselbe Schau, nur auf persönliche Einladung, in Nobelhotels von Hamburg und Düsseldorf, wo die Kundinnen auch gleich bestellen. Sie erhalten die genauen Termine ihrer Anproben für geraume Zeit später und am gleichen Ort. Ein Stundenplan, der von den verwöhntesten Frauen der Gesellschaft strikt eingehalten wird. Preise der Modelle und die Namensliste der Kundinnen sind top-secret.

Die Skizzen zur Winterkollektion entstehen seit vielen Jahren im Juni auf Ischia nach vorliegenden Stoffmustern, die Entwürfe für die Frühjahrskollektion in der ausgebauten Tenne eines entlegenen Bauernhofes. Als Ausgleichssport: täglich drei Stunden wandern, in München an der Isar entlang laufen, in Ischia schwimmen,

In seinen Ateliers gibt es wenige Nähmaschinen, hier wird fast nur mit der Hand gearbeitet, Weder Abnäher noch Reißverschlüsse sind sichtbar, und die wenigen Nähte entwickeln sich funktionell aus der Geometrie der Schnitte. Heinz Schulze probiert sie in Miniaturgröße aus, bevor sie in den Ateliers endgültig die kostbaren Stoffe zerteilen. Die Länge der Röcke spielt niemals eine Hauptrolle, sie haben sich den Proportionen der Modelle oder individuell der Figur der Kundin anzupassen.

Am liebsten zieht Schulze-Varell Frauen um Vierzig an, die ihre Vorzüge wie ihre Fehler kennen, die wie er Humor haben, international richtig angezogen sein wollen, am Tag den Chic des Understatements lieben und am Abend extravagant auftreten können.