Das klang bombastisch und war nicht einmal übertrieben: „Berlins Antwort auf Andy Warhol.“ Der Film „Ex und Hopp“ von Lothar Lambert und Wolfram Zobus ist wirklich „Flesh“ von der Spree, ein nicht weniger stumpfes, desolates und deprimierendes Porträt des Berliner Drogen-Untergrunds ohne jegliche Kino-Beschönigung, dafür aber von einer seltenen Wahrhaftigkeit und Überzeugungskraft.

Schmuddelige Kneipen und Unterkünfte, Süchtige, Schwule, einsame Mädchen, Bob Dylan und Jack Kerouac als traurige Reminiszenzen, Kino, Dealer, träge Partys, Horrortrips, ein Mord: Die „Scene“, mit „c“, so schmutzig und grau und reizlos, daß der Ausdruck Anti-Drogen-Film voll zutrifft. „Ex und Hopp“ ist darüber hinaus ein authentisches Dokument und ein vielfach grotesk überzogenes Melodram, ein Reigen teils sehr komischer Typen und eine ziemlich trostlose Milieustudie.

Lambert, 28, Filmkritiker, spielt die Hauptrolle, Zobus, 29, Fernsehjournalist, stand an der Kamera. Gedreht wurde in 16 Millimeter und Schwarz-Weiß; Kosten: 5000 Mark. Der Ton ist dumpf und schwer verständlich, das Bild immer leicht unterbelichtet und oft verwackelt, die Kamera unkonzentriert, dilettantisch oder auf brutale Weise konventionell. Die zwei drehen mit Laien, improvisieren die meisten Dialoge und verwenden fast jeden Meter des belichteten Films. Radikaler hat sich der junge deutsche Film bisher nicht zu seiner chronischen Mittellosigkeit bekannt, rigoroser wurden die albernen Münchner Hollywood-Imitationen bisher noch nicht ad absurdum geführt. Und inzwischen hat das Außenseiter-Produkt sogar Erfolge: an der Kasse, bei Preisgremien, in der Presse und jetzt vielleicht beim Fernsehen.

Die gleiche Arbeitsweise und -aufteilung, die gleichen Bedingungen und die gleichen Vor- und Nachteile von „Ex und Hopp“ findet man auch beim zweiten Film von Lambert/Zobus, der in demselben Milieu spielt: „Ein Schuß Sehnsucht – Sein Kampf“. Erzählt wird die Geschichte von einem jungen, strebsamen, etwas verklemmten Finanzangestellten, der aus Enttäuschung über eine Berufspleite zu gammeln beginnt, langsam in die Berliner Polit-Szene absackt und am Ende sinn- und nutzlos irgendeinen Politiker vor dem Schöneberger Rathaus erschießt.

Die zwei Filmmacher wollten diesmal höher hinaus und haben sich mit ihren politischen Ambitionen vielleicht etwas übernommen. Gut ist zunächst das Prinzip, die fiktiven Szenen mit Reportagen vom Berliner Sommer 1972 zu montieren: einer Militärparade, einem Protestzug der Polizei, Demonstrationen gegen die Ausländergesetze und die Baader-Meinhof-Prozesse. Gut ist die ironische, distanzierende Behandlung der Musik (vom Schlager über Ennio Morricone bis zur „Zauberflöte“) oder die dauernd spürbare Improvisation (eine Frau bricht aus der Szene aus und wendet sich hilfesuchend an die Kamera: Scheiße, dat is nischt...; die Berliner Polizei spielt brav mit und verhaftet den Helden, der in einer Privataktion vorm Amerikahaus gegen Nixon protestiert), und gut ist die offene, klare Form des Films, die jede Identifikations-Offerte umgeht, statt dessen kühl argumentiert und, was die Ästhetik angeht, wiederum provozierend simpel und mickrig sich darbietet.

Andererseits aber sind viele Episoden überflüssig, stehen authentische Reportage und Spiel zu unvermittelt und beziehungslos nebeneinander, erweisen sich die Laien nun doch als schlechte Schauspieler, wo sie nicht, wie in „Ex und Hopp“, in purer Selbstdarstellung aufgehen können. Vor allem aber bekommt die Geschichte einen (wie die Autoren versichern: ungewollten) Modellcharakter, sie wird zum Psychogramm des namenlosen Mitläufers aus dem Fußvolk der revolutionären Bewegung. Und diesem Prototyp drohen Mißverständnisse von allen Seiten: Linke könnten ihn eine böswillige Denunziation oder, so das Junge Forum Berlin, fatal „echt“ finden, Rechte ihn als Bestätigung alter, liebgewordener Parolen und Thesen über die Studentenrevolte feiern.

Denn wie wird dieser Held gezeigt: Anfangs ist er korrekt spießig, zugeknöpft; die Mutter schrubbt den Mittzwanziger noch immer in der Badewanne ab. Bei Mädchen hat er Schwierigkeiten und muß sich Impotenz vorwerfen lassen, allein in seinem Zimmer tanzt er sich in Stimmung und onaniert. Daß er nicht, wie erwartet, befördert wird, wirft ihn aus der Bahn und läßt ihn, noch immer auf Erfolg und Leistung und Anerkennung fixiert, nach Ersatzhandlungen und kleinen Befreiungsversuchen tasten: am Nudistenstrand, auf dem Rummelplatz, bei einer politischen Demonstration, mit linkem Parteichinesisch vor seinem Spiegel posierend, Nestwärme suchend in einer Gesellschaft von verkrachten Existenzen, Schwulen und tumben Polit-Chaoten, die unendlich dummes Zeug reden; schließlich beim Überfall auf eine Bar und in dem unsinnigen Mord.