Chilenisches Experiment mit dem Sozialismus – Kuba hat seinen Wert als Modell eingebüßt

Das Bekenntnis ist freimütig: „Wenn der Leser von allen diesen Argumenten für und wider die kubanische Revolution verwirrt ist, hat er mich richtig verstanden.“ Denn der schwedische Nationalökonom, der sich 1971 auf Kuba „umgesehen“ hat, ist äußerst verwirrt zurückgekommen. Seine sehr widersprüchlichen Eindrücke hat er in einem schmalen Buch zusammengefaßt:

Gunnar Adler-Karlsson: „Kubareport – Sieg oder Niederlage“; Europaverlag, Wien 1973; 160 S., 12,– DM.

Wie immer man den Inhalt seines Buches beurteilen will – es verdient vorweg ein Lob für seinen klaren, flüssigen und lesbare Stil. Freilich will es in einem Zug gelesen werden: Adler-Karlsson hält wenig von der Analyse, er erzählt seine Eindrücke, ohne mehr zu tun, als die dabei auftretenden Widersprüche als logische Folgen eines widersprüchlichen Vorbildes zu kennzeichnen. Dabei beurteilt er das kubanische Experiment grundsätzlich positiv. Der zur Verteilung stehende Sozialkuchen ist nach seinen Worten kleiner geworden, aber er wird gerechter verteilt. Bei allen unverkennbaren Schwächen des Apparates heißt der Schwede das Modell wegen dieser größeren sozialen Gerechtigkeit gut, obwohl er die Schattenseiten – Bürokratie, aufgeblähte Verwaltung, Trägheit, mangelnder Arbeitsanreiz, fehlende Privatinitiative – durchaus sieht.

Viele Schwierigkeiten erwachsen Kuba aus dem nordamerikanischen Embargo, das Adler-Karlsson aus wirtschaftlichen und politischen Gründen für anachronistisch, ja schädlich hält. Er sagt auf der anderen Seite selbst, daß es keinerlei akzeptablen Beweis für die Behauptung gibt, ohne Embargo wäre Kuba weiter. Vor der kubanischen Revolution sei die Zuckerinsel so wenig lebens- und reformfähig gewesen wie nach Castros Sieg. Die wirtschaftlichen und sozialen Strukturschwächen dauerten unverändert an.

Überraschenderweise meint Adler-Karlsson, daß Castro prinzipiell wenig Neigung habe, daran etwas grundlegend zu ändern. Der bärtige maximo lider sei weder ein Sozialist im europäischen Sinne des Wortes – diese Erkenntnis ist nicht neu – noch überhaupt an Wirtschaft und Finanzen interessiert. Er sei ein später Nachfahr eines sozialromantischen Humanismus, der aus der erzwungenen Gleichheit aller Menschen ein moralisches Handeln aller Gesellschaftsmitglieder erwarte. Denn nicht Marx, sondern José Marti, der 1895 gegen die Spanier gefallene kubanische Freiheitsheld, sei Castros ideologischer Ziehvater – also ein Nationalist. Sozialistisch – so Adler-Karlsson – wurde Kuba erst durch die ungeschickte Politik der Vereinigten Staaten, die Castro geradezu in die Arme der Sowjets getrieben habe.

Castros Reden bieten in der Tat viele Anhaltspunkte für diese These. Freilich versäumt der Autor eine ausreichend genaue Definition des Begriffs „Nationalismus“. Denn wer gegen die Vorherrschaft der Spanier (vor 1898) und dann der Nordamerikaner antrat, bekämpfte zugleich die wirtschaftlich und sozial tonangebende Schicht. Der Kampf um nationale Freiheit wir immer zugleich auch ein Kampf gegen die Reichen, die „Ausbeuter“. Nationalismus und soziale Reformversprechen gingen stets Hand in Hand.