Die neue Aufwertung der Mark ist an den Aktienkursen nahezu spurlos vorübergegangen. Zwar erreichten am Monatsbeginn zahlreiche Standardaktien neue Jahrestiefstkurse. Aber sie gehen weniger auf das Konto der Wechselkursänderung als vielmehr auf das der allgemeinen Lustlosigkeit. Allmählich beginnen auch die unverbesserlichen Optimisten einzusehen, daß von einer Gewinnexplosion im Jahre 1973 kaum die Rede sein kann. Und nur sie würde einen Aktienkauf heute noch rechtfertigen.

Zu reizvoll ist die Alternative, freies Geld hochverzinslich bei den Banken und neuerdings auch in Rentenwerten anzulegen. Viele Experten glauben, daß wir dem Zinshöhepunkt jetzt recht nahe gekommen sind, andere meinen sogar, daß er bereits überschritten ist. Das ist auch einer der Gründe, warum die neue zehnprozentige Bundespostanleihe reibungslos vom Markt aufgenommen wird. Einige institutionelle Anleger haben begonnen, ihre bisher geübte Zurückhaltung gegenüber längerfristigen Rentenanlagen aufzugeben und sichern sich jetzt über einen längeren Zeitraum den gegenwärtig noch extrem hohen Zins.

Unter diesen Umständen wird der Absatz der für die zweite Julihälfte in Aussicht genommenen II. Tranche der Stabilitätsanleihe hoffnungsvoll beurteilt, zumal der große Zinstermim vom 1. Juli etwa drei Milliarden Mark freigesetzt hat, die zur Wiederanlage drängen. Die Kreditinstitute scheinen geneigt zu sein, ihrer Kundschaft die Zeichnung der Anleihe zu empfehlen, weil sie meinen, daß die Gefahr weiterer Zinssteigerungen nach der neuen Markaufwertung geringer geworden ist. Schließlich kann auch sie als ein Schritt zur Konjunkturdämpfung angesehen werden.

Natürlich macht man sich an der Börse darüber Gedanken, welche Unternehmen von der Aufwertung empfindlich getroffen werden. Auf der Hand liegt, daß man zunächst an das Volkswagenwerk denkt. Es hat ja nicht nur Verluste durch den ständig sinkenden Dollarkurs hinzunehmen, sondern nunmehr auch durch die weitere Verteuerung der Mark, die sich sicherlich nicht auf allen Märkten des Auslandes in den Preisen unterbringen läßt. Kein Wunder, wenn die VW-Aktie zu jenen Papieren gehört, die in dieser Woche neue Tiefstkurse erreicht haben.

Wie die Ausländer – soweit sie deutsche Aktien besitzen – auf die Markaufwertung reagieren werden, muß noch abgewartet werden. In den letzten Wochen hielten Käufe und Verkäufe dieser Seite – insgesamt gesehen – sich etwa die Waage. Deutlich war aber die Neigung, im Rahmen der zur Verfügung stehenden Quoten von Aktien in die hochverzinslichen deutschen Inlandsrenten zu wechseln. Einiges Auslandsgeld ging auch in die auf Mark lautenden Auslandsanleihen. Doch nur vorübergehend. Zu Beginn dieser Woche setzte hier eine Verkaufswelle ein. Die fallenden Kurse machten einen Teil des Aufwertungsgewinns allerdings wieder zunichte. Insgesamt dürfte der Zug in die Mark jedoch anhalten, da man davon ausgeht, daß die jetzige Markaufwertung noch nicht die letzte in diesem Jahr gewesen ist.

Kräftige Kursverluste mußten in der jüngsten Vergangenheit die Bauaktien hinnehmen. Nicht nur wegen der von der Bundesregierung versuchten Drosselung der Baukonjunktur, sondern mehr noch wegen der „Polizeiaktion“ des Bundeskartellamtes, das unzulässige Absprachen bei Ausschreibungen nachweisen will. In den Kursstrudel sind einige Baunebenaktien mit hineingerissen worden. Das hat aber kaum etwas mit den Ermittlungen der Kartellbehörde zu tun. Vielmehr scheint sich allgemein die Meinung durchzusetzen, daß der Höhepunkt des Baubooms überschritten ist. In einigen Fällen wird bereits von einem Rückgang der Baupreise um zehn Prozent berichtet. K. W.