Von Gabriele Venzky

Vermutlich ist es eine politische Legende, daß der Staatspräsident merci, Monsieur Mao murmelte, als er die Nachricht von der chinesischen Atomexplosion hörte. Sicher ist indes, daß die Chinesen ihm zur Zeit keinen besseren Dienst hätten erweisen können als mit der Explosion ihrer Wasserstoffbombe über Sinkiang. Mochten die Franzosen noch so demonstrativ den Spruch des Haager Internationalen Gerichtshofes ignorieren, mochten sie noch so ostentativ über die Bedenken anderer Regierungen hinwegsehen – die weltweiten Proteste gegen ihre geplanten Kernwaffenversuche über dem Mururoa-Atoll waren dennoch nicht ohne Wirkung geblieben.

Die chinesische Explosion bietet nun willkommenen Anlaß, sich auf die angeblich uneigennützigen Gemeinsamkeiten der nuklearen Minimächte zurückzuziehen. Beide, China und Frankreich, sind nicht dem Atomsperrvertrag beigetreten, weil sie sich dem nuklearen Monopol der Supermächte nicht ausliefern wollen. Durch den sowjetisch-amerikanischen Atomvertrag glauben sie sich in ihrer Ansicht bestätigt: Die Großen sind entschlossen, ohne Rücksicht auf kleine und mittlere Nationen Weltpolitik zu machen.

Peking gibt vor, durch Überwindung des Nuklearmonopols die Abschaffung der Atomwaffen anzustreben. Frankreich hängt immer noch der Illusion nationaler Unabhängigkeit nach und glaubt, sie mittels der force de frappe erhalten zu können. Beide fühlen sich daher legitimiert, mit ihren Atomversuchen das Leben vieler Unbetroffener aufs Spiel setzen zu dürfen. Frankreich zündet seine Bomben eben nicht, obwohl sie angeblich "sauber" sind, über französischem Territorium, und China kümmert es wenig, daß nicht über Peking, wohl aber über Japan in dieser Woche eine dreitausendmal höhere Radioaktivität gemessen wurde, als vor seinem Versuch. Beide Staaten handeln rücksichtslos, wenn sie sich auf Kosten anderer Zugang zum exklusiven Atomklub verschaffen.

Gewiß, China ist der Status einer kommenden Großmacht nicht abzusprechen, und es kann sich auf keine alliierte Nuklearmacht verlassen. Doch was ist mit Frankreich? Die Devise de Gaulles, das allein der Besitz von Atomwaffen schon abschreckend genug wirke – dies ist das Argument für den Ausbau der force de frappe zur force de dissuasion –, stimmt doch längst nicht mehr. Heute zählen allein technologischer Fortschritt und Quantität. Mit beidem jedoch wird Frankreich allein wohl nie aufwarten können.

Die französische Atomstreitmacht ist mit ungeheuren Opfern aufgebaut worden. Etwa achtzig Milliarden Mark hat sie bisher verschlungen – auf Kosten des sozialen Fortschritts, auf Kosten aber auch der konventionellen Rüstung. Trotzdem hinken die Franzosen hoffnungslos hinter den USA und der Sowjetunion hinterher. 1980 werden sie bestenfalls über den Rüstungsstand verfügen, den die Engländer mit amerikanischer Hilfe schon heute erreicht haben. Und selbst wenn es ihnen gelingt, nach den geplanten Tests ihre Atomsprengköpfe zu miniaturisieren und ihre nukleare Kapazität weiter auszubauen – werden sie 1975 über dreißig Megatonnen verfügen – gegenüber 30 000 der USA und 25 000 der Sowjets. Die Reichweiten ihrer Raketen und strategischen Bomber sind außerdem zu gering, um einen eventuellen Gegner ernsthaft bedrohen zu können.

Sehr abschreckend wirkt die französische Atomstreitmacht nicht, und die Versicherungen, die Tests seien unerläßlich für Sicherheit und Unabhängigkeit des Landes oder gar Europas, klingen wenig überzeugend. Gewiß, die Unsicherheit über die amerikanischen Absichten in Europa ist nach dem Tête-à-tête Nixon-Breschnjew gewachsen. Auch hat Washington nicht von seinem Drängen nach Alternativen zur amerikanischen Atomgarantie abgelassen. Eine europäische Atomstreitmacht aus französischen Kapazitäten, britischem Fortschritt, amerikanischem know-how und dem Geld der übrigen Europäer scheint verlockend zu sein. Warum haben allein Bonn und London nicht in den Chor der Atomtestgegner eingestimmt? Will man sich die Tür offenhalten?

Funktionieren könnte eine europäische Atommacht nur als Bestandteil einer integrierten europäischen Verteidigung, wenn sie nicht zwei Klassen von Europäern schafft – jene, die am Atomdrücker sitzen und jene, die in den Stolperdrähten des atomaren Vorfelds ihre Köpfe hinhalten. Dies aber wird, wenn überhaupt, nur möglich sein, wenn die politische und ökonomische Union Europas weitgehend vollendet ist. Und bis dahin vergeht noch viel Zeit. Vorläufig gibt es – auch im Zeitalter der Entspannung und Sorglosigkeit keinen Ersatz für den amerikanischen Nuklear-Schirm. Frankreichs force de frappe. jedenfalls ist es nicht, denn sie ist nicht einmal imstande, das eigene Territorium überzeugend zu schützen.