Wie eine Mischung von Krolls Kaffeegarten und Kaisers Geburtstag mutete es an: das Gartenfest des Bundespräsidenten im Schloß Bellevue am letzten Wochenende. An langen Tischreihen unter bunten Sonnenschirmen gab es Kaffee und Kuchen, Würstchen, Bier und saure Gurken, Blaskapellen spielten, der Gastgeber wanderte von Tisch zu Tisch und setzte sich zwischen sein Volk.

Um sicherzugehen, daß es wirklich das Volk ist, unter das er sich mischt, hatte man in diesem Jahr an Bushaltestellen und U-Bahn-Stationen Flugblätter verteilt, in denen eingeladen wurde, mit Antwortkarte. Und sie kamen – rund 1000 derer, die noch öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Doch selbst wenn man die Autos der Presse und der Prominenz – Schauspieler Gustav Knuth und Maximilian Schell, Regisseure Fassbinder und Schamoni – abrechnet, selbst die von den SPD-Genossen, die eine Ecke weiter in der Kongreßhalle ihren Landesparteitag abhielten, schienen erstaunlich viele BVG-Benutzer diesmal das eigene Auto als Transportmittel vorgezogen zu haben. Immerhin: Sie hatten sich geputzt, einige Damen kamen trotz Hitze in Lang. Außerdem liegt das Schloß nicht eben verkehrsgünstig.

Über die Beliebtheit Gustav Heinemanns gibt es kaum Zweifel. Dauernd war er umschwärmt, pausenlos sollte er Autogramme geben. Doch er gab keine. „Er sagt, er kann hier keine Hoheit ausüben, oder so ähnlich“, sagte eine Frau, die ihren Pudel zum Fest mitgebracht hatte. Ehrfürchtig zeigte sie ein Photo vom Herrn Bundespräsidenten mit Unterschrift am Tisch herum: „Das hat mir ein Mann im schwarzen Anzug gegeben.“ Der Mann im schwarzen Anzug sah aus, wie man sich einen Herrn vom Protokoll vorstellt, und wie ein Zauberer weiße Kaninchen aus dem Zylinder, zog er unermüdlich aus seiner rechten Jackentasche Photo für Photo und verteilte sie. Nicht nur die Damen und Herren der Presse photographierten den hohen Herrn, kaum einer der Gäste schien ohne Kamera gekommen zu sein. Da bugsierte mancher Amateurphotograph seine Liebste in die Nähe des Bundespräsidenten, fürs Familienalbum.

„Du hattest heute deinen Höhepunkt“, sagte neidvoll eine Frau zu ihrer Freundin, mit der Gustav Heinemann gerade ein paar freundliche Worte gewechselt hatte, und der Auserwählten fiel es leicht zu trösten: „Bei dir war er ja auch ganz schön dicht!“

Zumindest die feudalistische Umgebung schien die Besucher nicht allzu lange zu beeindrucken, bald gingen viele im Schloßpark spazieren, zwischen blühendem Jasmin und dezent verstreuten Polizisten, als seien sie zu Hause im heimatlichen Gärtchen, und sie redeten dabei durchaus nicht nur über die hohe Persönlichkeit des Gastgebers, sondern über das Wohnzelt, das man zu kaufen beabsichtigte, über den neuen Wagen, der noch einige PS mehr hat als der letzte, über die bevorstehende Reise nach Polen.

Sie fühlten sich geehrt, von so hoher Stelle eingeladen worden zu sein, doch es gab einige, denen die Veranstaltung zu volkstümlich war, die von einem Bundespräsidenten Feineres erwartet hatten als Streusel- und Apfelkuchen mit Sahne: „Ich will mal sagen: Was Majestätischeres!“ Und als kurz vor Ende der Veranstaltung ein Pärchen unschlüssig vor dem Bierfaß einer Berliner Brauerei stand, wurde es von Bekannten aufgefordert: „Kommt doch noch mit zu uns: Da gibt es ein anständiges Glas Sekt!“

Marlies Menge