Berlin, im Juli

Die DDR-Forscher sind beunruhigt und verwirrt. In einer Zeit, in der sich die Bonner Politik mehr und mehr dem innerdeutschen Verhältnis und damit der DDR zuwendet, werden staatliche Mittel für Forschungsvorhaben über die DDR gekürzt, Wissenschaftler entlassen, wissenschaftliche Arbeiten nicht gedruckt und Publikationen verzögert. Das paßt nach ihrer Ansicht schlecht in das Bild von einer nüchternen, rationalen Deutschlandpolitik. Sie meinen, diese Politik könnte erfolgreicher sein, wenn sie sich auf die Erkenntnisse von Wissenschaftlern stützen würde, ohne daß damit politische Entscheidungen präjudiziert würden.

Offen ausgebrochen ist der Unmut vieler DDR-Forscher zum erstenmal auf der diesjährigen Tutzinger Tagung der Wissenschaftler, die sich mit der DDR befassen. Von einer „rüden Flurbereinigung“ war da die Rede. Der Verdacht wurde ausgesprochen, daß die Politiker nicht mehr Erkenntnisse brauchen, die Geld kosten, sondern Bekenntnisse wollen, die kostenlos sind. Intern hatte es schon öfter harte Debatten und Widerstände gegeben, so bei einer Sitzung des Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung, der sich von einer endgültigen Auflösung bedroht sieht. Nur die Wissenschaftler in unabhängigen Institutionen, wie etwa dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, läßt die Entwicklung unberührt.

Die Diskussion über die DDR-Forschung – genauer: die westdeutsche Forschung über die DDR – ist in neue Bahnen gelenkt worden. Bisher beschäftigte sich diese Diskussion vor allem mit der Organisation, dem Wissenschaftscharakter und den politischen Zielsetzungen der DDR-Forschung. Diese Debatten drehten sich häufig im Kreise, konkrete Ergebnisse blieben aus. Dem Außenstehenden war die Organisation ohnehin gleichgültig.

Das Wirtschaftssystem der DDR kann ebenso gut bei dem wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich einer Universität, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) oder von der Forschungsstelle für Gesamtdeutsche Wirtschaftliche und Soziale Fragen beobachtet werden. Während das DIW einen umfassenden Themenkatalog hat, ist die dem Forschungsbeirat angegliederte Forschungsstelle ausschließlich für DDR-Forschung spezialisiert.

Auch der Streit um den Wissenschaftscharakter der DDR-Forschung erscheint überflüssig. Wer mit Hinweisen auf den politischen Charakter der DDR-Forschung ihre Ergebnisse abwerten will, der übersieht, daß Wissenschaft sehr wohl politische Zwecke erfüllen kann, ohne daß zugleich die wissenschaftliche Methodik politisiert wird. Die DDR-Forschung war bisher nicht zu politisch, sondern oft zu wenig praxisnah.

Diese mit Scheinproblemen und Rivalitäten beladene Debatte dauert an. Ganz unzulässig wird sie jetzt vermischt mit der Diskussion über die Lebensbedingungen, die der DDR-Forschung von der Bundesregierung eingeräumt werden. Die Motive der DDR-Forschung, die sich zweifellos seit den fünfziger Jahren gewandelt haben, haben nicht direkt mit der Qualität der Forschung zu tun. So wird die Legende aufgebaut, daß die älteren Institute und Wissenschaftler, die sich mit der DDR befassen, mehr vom Geist des Kalten Krieges als von der Wissenschaft bestimmt seien. Diese Legende bleibt fast unwidersprochen.