Von Hansjakob Stehle

Vatikanstadt, im Juli

Mitternächtliche Stille auf dem Petersplatz. Nur zwei Fenster des Vatikan-Palastes sind noch erleuchtet – das Arbeitszimmer des Papstes. Nicht weit davon, in einem anderen Palazzo hinter den Toren, die jetzt von den Schweizer Gardisten geschlossen werden, erregt sich zu dieser Stunde ein ergrauter Kurien-Prälat. So bitter und heftig bricht es aus ihm aus, daß seine Besucher fast erschrocken sind: „Dieser Papst rennt seit zehn. Jahren in unglücklicher Liebe der Welt nach, um ihr die Menschenrechte und die Ideale von Frieden, Gleichheit und Brüderlichkeit zu verkünden. Braucht die Welt uns, die Kirche, um sich heute nachbeten zu lassen, was Aufklärung und Französische Revolution schon zwei Jahrhunderte früher wußten?“

Solche Zweifel haben sich sogar in den päpstlichen Gemächern eingenistet, dort, wo in diesen Tagen ein einsamer Mann auf ein Jahrzehnt des „erschreckend hohen Amtes“ – so nannte er es –, zurückblickte: Giovanni Montini, der sich als Paul VI. nicht nur dem Namen nach von sich selbst lösen mußte, sondern diese Verfremdung vom ersten Augenblick seiner Wahl an leibhaftig empfunden hat – „gerade ein Schwindelgefühl“, wie er einmal sagte.

So sehr er als Favorit für die Nachfolge des Papstes Johannes XXIII. gegolten hatte, das Kardinalskollegium einigte sich 1963 keineswegs sofort und einstimmig auf den Mailänder Erzbischof Montini. Wie man Indiskretionen (des verstorbenen Kardinals Tisserant) entnehmen kann, erhielt Montini im dritten Wahlgang nur vier Stimmen mehr als die erforderlichen zwei Drittel. Der „Hamlet von Mailand“, wie ihn ganz ohne Bosheit der so selbstsicher in sich ruhende Papst Johannes nannte, galt den Reformgegnern, zumal im Kurienapparat, von Anfang an als ein unheimlicher „Linker“, den Erneuerungs-Enthusiasten jedoch als bremsender Zauderer.

Wäre Montini schon unmittelbar auf Pius XII. gefolgt (was der Pacelli-Papst verhindert hatte, indem er seinen engen Mitarbeiter ohne Kardinalswürde als Erzbischof nach Mailand „verbannte“), hätte sich der Stil von Kurie und Kirche gewiß auch gewandelt, bedächtig und langsam, wahrscheinlich aber ohne den – im doppelten Sinne – herausfordernden Anstoß des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es war der schlichte, von intellektuellen Hemmungen unberührte Johannes, der dieses Konzil wagte.

In den knapp fünf Jahren seines Pontifikats (1958–1963) entstand so etwas wie ein neues „Image“ der Katholischen Kirche, dem sich sogar abgebrühte Atheisten nicht ganz entziehen konnten. In diesen fünf Jahren aber wurde zugleich der Weg dieser Kirche für das folgende Jahrzehnt festgelegt – mit allen Unebenheiten, Untiefen und gefährlichen Kreuzungen. Diese werden für Paul VI. immer dann sichtbar, wenn die Erneuerung der Kirche an die Glaubwürdigkeit ihrer Doktrinen rührt, wenn Autoritätsschwund und Disziplinlosigkeit bald als Freiheit eines Christenmenschen gerechtfertigt, bald als Beweis für die jeder Reform eigenen Zerfalltendenz zitiert werden.