Die nach Breschnjews Bonn-Visite aufgekeimten Hoffnungen, nun werde sich die Lage in und um Berlin endlich normalisieren, hatten ein kurzes Leben. Egon Bahr und seine Mitstreiter, die hin und wieder ihr Erstaunen darüber äußern, daß die Berliner trotz aller befriedigenden Regelungen nicht befriedigt zu sein scheinen, können in diesen Tagen die Ursachen des latenten Unmutes sorgsam studieren.

Die Schüsse an der Berliner Mauer, vermutlich auf drei Flüchtlinge abgegeben, führten zu empörten Reaktionen. Warum war diese Empörung gerade jetzt so spontan und lautstark? Sicher ist sie ein Protest gegen das Unrecht. Und auch die Furcht kommt zum Ausdruck, daß durch wahllose Schießereien Unschuldige getroffen werden könnten. Aber sie ist nicht zuletzt als Enttäuschung zu verstehen, daß die Forderungen von Politikern aller Parteien, das Schießen an der Mauer müsse aufhören, so wirkungslos verhallen. Die Sonntagsredner sind nicht schuldlos: denn es ist keine Gewöhnung an das Unrecht, wenn man nüchtern konstatiert, daß die DDR, so wie sie ist, auf den Schießbefehl nicht verzichten kann.

Die Diskriminierung der Westberliner Sportler in Rostock und eine Reihe ähnlicher Vorkommnisse bieten gewiß auch keinen Anlaß zu Optimismus. Auch hier hat sich die Hoffnung als falsch erwiesen, die östlichen Staaten würden die Bindung Westberlins zur Bundesrepublik nun endlich voll respektieren. Der Weg der Entspannung ist noch sehr lang. J. N.