Der Turiner Autokonzern erprobt Montage ohne Fließband

Es stinkt in der „Schönen Blume“, ständiger Lärm macht eine Verständigung mit normaler Lautstärke unmöglich, Schmutz ist überall, Tageslicht fällt spärlich durch dreckige Fenster und sorgt zusammen mit Hunderten von Neonröhren für ein unwirkliches Zwielicht: Das Fiatwerk Mirafiori (Schöne Blume) in Turin ist ein typisches Automobilwerk. So wie in Turin sieht es auch in Wolfsburg aus, in Detroit oder bei Toyota in Japan.

Bei Fiat wird eine andere Arbeitswelt geplant. Die Italiener wollen die herkömmliche Autofabrik und die eintönige Fließbandarbeit abschaffen – mit mehr Automation und neuer Arbeitsorganisation. Der sture Handgriff am Fließband soll durch Gruppenarbeit, die körperliche Fron an der Presse oder am Schweißgerät durch Automaten abgelöst werden.

„Wir haben noch keine Sensationen zu bieten“, erklärt der zuständige Turiner Direktor, „es sind bisher nur kleine Schritte.“ Die „kleinen Schritte“ zeigt Fiat dennoch mit Stolz vor: Eine Straße von Schweißautomaten, die in Europa einmalig sein soll, und Fließbänder, die so langsam laufen, daß der Arbeiter statt einer Minute an jedem Wagen vier Minuten arbeitet. Noch nicht vorzuzeigen ist ein neues Motorenwerk, in dem neben einer Fließbandfertigung die Montage in Gruppenarbeit noch in diesem Jahr erprobt werden soll. Und weitere Pläne bestehen für noch mehr Automatisierung und Erprobung der Gruppenarbeit in allen Bereichen der Fließbandarbeit.

Die Versuche und Pläne Fiats sind nicht einmalig. Ähnliche Überlegungen und Projekte gibt es bei Volvo in Schweden, bei General Motors in Amerika und bei Renault in Frankreich. Der Ausgangspunkt ist überall gleich: Die Arbeiter werden unzufrieden, unzuverlässig und schließlich renitent. Die Bereitschaft, aus nichtigen Anlässen zu streiken, wächst, die Abwesenheitsrate steigt, Pfuscharbeit und bewußte Sabotage werden immer häufiger.

Die Lösung des Problems soll eine „bessere Motivation“ (so die Psychologen) der Arbeiter bringen. Durch Gruppenarbeit soll das Fließband abgeschafft und das Arbeitstempo vermenschlicht werden. Der einzelne Arbeiter bekommt einen größeren Tätigkeitsbereich, gewinnt mehr Verständnis für seine Arbeit und ein höheres Verantwortungsgefühl. Voraussetzung ist, daß die Arbeiter auch tatsächlich mehr lernen, mehr denken und mehr Verantwortung tragen wollen.

Bei Fiat begründet man die eigene Initiative damit, daß „es den Arbeitern zu dämlich ist, immer dasselbe zu tun“. Andererseits geht man davon aus, daß „wir viele Arbeiter haben, die nicht denken wollen“. Und weil auch die Gewerkschaften weder eindeutig dafür noch dagegen sind, ist Fiat aufs Experiment angewiesen.