Die Experten sind ziemlich sicher: In 25 Jahren wird ein Viertel des Energiebedarfs der ganzen Welt mit Atomstrom befriedigt. Da Kernreaktoren heute noch eine bescheidene Rolle spielen, sind auch die Geschäftsleute sicher: Hier wird es eines Tages viel zu verdienen geben. Diese Erkenntnis dämmert offensichtlich auch immer mehr Bossen der Mineralölindustrie – einer Branche, die sich mehr denn je mit Ölknappheit, Umweltschutz und sinkenden Erträgen herumschlagen muß.

Eine Tochtergesellschaft der Esso, die Exxon Nuclear Company, hat sich jetzt mit einem starken Partner verbündet, um in das kostspielige Geschäft einzusteigen. Gemeinsam mit General Electric, dem fünftgrößten Unternehmen der USA, wollen die Ölmanager Anlagen zur Anreicherung von Uran bauen.

Das angereicherte Uran, Brennstoff für die Kernreaktoren, liefert in den USA bisher ausschließlich die staatliche Atomic Energy Commission (AEC). Die Esso-Strategen haben ermittelt, daß 1983 der Bedarf an dem nuklearen Energiespender das Angebot übersteigen wird. Und bis dahin könnten Esso und General Electric in die Bresche springen.

Der AEC wird die Kernforschung auf Staatskosten langsam ohnehin zu teuer: Sie hat sich deshalb bereit erklärt, ihre Kenntnisse über die Gewinnung von Kernbrennstoff auch privaten Unternehmen zugänglich zu machen. Für eine einzige Anreicherungsanlage müssen die privaten Investoren allerdings 1,5 Milliarden Dollar aufbringen.

Die Golf Ott, der „am besten placierteAußenseiter im atomaren Rennen“ (Sunday Times) hat neben dem Öl bereits vor Jahren die Kernenergie entdeckt und vor allem im Reaktorbau Riesensummen investiert. Um auch die finanzielle Basis zu sichern, wurde jetzt ein neuer Partner gewonnen; die Royal Dutch Shell offensichtlich vom Gerangel um die nahöstlichen Bohrtürme ebenso verunsichert wie ihre Konkurrenten.

Shell, die Nummer zwei unter den Ölriesen der Welt, will zunächst 200 Millionen Dollar in die gemeinsame Sache mit Gulf stecken. Dabei sind sich die Planer in beiden Konzernzentralen einig, daß in den nächsten fünf Jahren keine Gewinne aus dem Reaktorgeschäft zu erwarten sind.

Der britische Observer skeptisch: „Shell geht ein massives Wagnis auf einem der heikelsten Märkte der Welt ein.“ Doch die Shell-Manager sind vom langfristigen Erfolg ihrer Nuklear-Strategie überzeugt; schließlich hat Golf Aufträge zum Bau von sechs Hochtemperatur-Reaktoren. smi