Der Bürgermeister Ton Hiroshima protestierte telegraphisch bei Staatspräsident Pompidou. Er ließ ihn wissen, daß noch immer hunderttausend Japaner an den Auswirkungen des amerikanischen Atombombenabwurfs von 1945 zu leiden hahaben. Weltweite Kritik überschwemmt den Elysée-Palast, ohne daß Frankreich sich darin beirren läßt, die Realität seiner bescheidenen Atomstreitmacht zwischen den Supermächten zu demonstrieren.

Die Vorbereitungen für den Nukleartest im Südsee-Paradies Mururoa führten am Wochenende bereits zu französischen Sicherheitsvorkehrungen im Umkreis von 60 Seemeilen um das Atoll, mit Wirkung vom Mittwoch, so daß man für den Verlauf dieser Woche mit der Zündung der Wasserstoffbombe rechnete.

Dabei spitzte sich die internationale Kontroverse auf die Frage zu, ob Frankreich sich über die Aktionen passiven Widerstandes – mit Selbstgefährdung – einfach hinwegsetzen würde. Die neuseeländische Fregatte Otago mit dem Einwanderungsminister Coleman an Bord kreuzt seit Tagen im Gefahrengebiet. Da es internationale Gewässer sind, haben französische Sicherheitsstreitkräfte keine Hoheitsgewalt. Der neuseeländische Ministerpräsident Kirk ließ wissen, daß er die Schutzzone als nicht existent betrachte. Am 14. Juli soll die Fregatte Canterbury auslaufen, um die Otago in der Gefahrenzone abzulösen. Coleman soll dann vom ersten Schiff auf das zweite umsteigen. Alle Minister Neuseelands hatten sich für diese Mission freiwillig gemeldet, daher hatte das Los entschieden.

Auch die amerikanische Yacht Fri will im Gefahrenkreis der Atombestrahlung bleiben, obwohl sie im Gegensatz zur Otago keine Schutzvorrichtungen hat. An Bord sind zwölf Personen, darunter eine schwangere Neuseeländerin mit ihrem Mann.

Mururoa ist ein Teil Französisch-Polynesiens, sechstausend Kilometer östlich von Australien, fünftausend westlich von Peru. Läßt sich auch kaum ein Erdenpunkt finden, der noch weiter entfernt ist von festem Land, so sind doch die fünf Inselgruppen dieses französischen Überseeterritoriums selber unweigerlich als erste gefährdet. Die radioaktiven Ausschüttungen einer Bombe, vermutlich im Megatonnenbereich, hängen als Damoklesschwert über hunderttausend Einwohnern. Es sind Eingeborene der Maori-Rasse, unter ihnen 2000 Europäer und 8000 Chinesen.

Polynesien ist seit 1966 Versuchskaninchen der Force de Frappe. Damals stieg der erste Atompilz über dem Korallenmeer von Mururoa hoch. Im 130. Jahr der französischen Herrschaft über Polynesien gibt es bedrohliche Anzeichen, daß die Lebensgrundlagen der Inselbewohner gefährdet sind. Ungeachtet amtlicher französischer Versicherungen, die Menge der freiwerdenden Radioaktivität sei gering, stellten australische Wissenschaftler in den Gewässern von Tahiti zunehmende Strahlenverseuchung bei Fischfängen fest. Fisch aber ist das Hauptnahrungsmittel der Hunderttausend.