Von Hermann Bößenecker

Das ist die reine Bosheit, das hat mit Vernunft nichts mehr zu tun“, erregt sich Rudolf Stoiber, Geschäftsführer des Landesverbandes bayerischer Mittelstandsbrauereien, Sein Zorn richtet sich gegen eine Coburger Brauerei, seit Jahren unrentabel wirtschaftende Tochter einer großen Münchner Brau-Aktiengesellschaft. Sie karrt Bier nach Regensburg, wo es in einem Abholmarkt zu 7,50 Mark je Träger mit 20 Halbliterflaschen angeboten wird – viel zu billig nach Ansicht von Rudolf Stuiber.

„Einsame Spitze“ nach unten war aber jüngst in den Augen der erzürnten Konkurrenz ein Preis von 4,98 Mark für einen Kasten Bier in einem Einkaufszentrum im badischen Wiesloch. Angepriesen wurde per Inserat „Burggraf-Bier aus dem Hause Würzburger Bürgerbräu“. Direktor Hans Gehring vom Würzburger Bürgerbräu, einer Sudstätte im Verband der Nürnberger Patrizierbräu AG (Schickedanz/Bayerische Hypotheken- und Wechselbank), sieht das allerdings nur als bedauerlichen Ausrutscher an: „Wir waren selbst schockiert und haben das nach zwei Tagen abgestellt. Denn unser Abgabepreis liegt schon beträchtlich darüber.“

Die Brauer aus Unterfranken und dem benachbarten Baden waren über den „Schleuderpreis“ vor allem deswegen erbost, weil Bürgerbräu erst Ende März die „normalen“ Listenpreise für helles Flaschenbier auf 11,20 Mark für den Kasten (ohne Mehrwertsteuer) heraufgesetzt hat. Prokurist Rudolf Hattwig von der Distel-Brauerei in Distelhausen zieht daraus den Schluß: „Die sagen, eine Preiserhöhung sei notwendig, aber dafür machen sie uns außerhalb ihres Hauptabsatzgebietes nur noch schärfer mit niedrigen Preisen Konkurrenz.“ So werde zum Beispiel Nürnberger Gerstensaft trotz der Transportkosten in Mergentheimer Abholmärkten wesentlich billiger als in Nürnberg selbst losgeschlagen.

Die Schätzungen, wie groß der Anteil solcher „Schleuderbiere“ am Gesamtabsatz ist, gehen in der Sudbranche erheblich auseinander. „Brau-Bankier“ Anton Ernstberger von der Bayerischen Hypo glaubt, daß die Billigbiere bereits 20 Prozent des deutschen Biermarktes, also etwa 16 Millionen Hektoliter, erreicht haben. Diese Quote decke sich auffallenderweise mit der Überkapazität der deutschen Brauwirtschaft. Seiner Ansicht nach sündigen die Kleinen wie die Großen: „Billig-Biere finden sich sowohl bei einer 10 000-Hektoliter-Brauerei als auch beim industriellen Braubetrieb von 100 000 Hektolitern aufwärts. Ernstberger ist bereit, die Namen von dreißig mittelständischen Betrieben zu nennen, die sich auf diesem Feld tummeln.

Hans Sixtus, Vorstandschef der von Ernstberger fusionierten Dortmunder-Union-Schultheiss-Brauerei AG schätzt dagegen, daß die Billigbiere kaum mehr als zehn Prozent Marktanteil haben. Auch Stuiber hält diesen Prozentsatz für wahrscheinlicher. Vorstandsvorsitzender Hein Tschech von der Reemtsma-Tochter Brau AG Nürnberg tippt auf sechs bis zehn Millionen Hektoliter, das sind 10 bis 15 Prozent des in der Bundesrepublik abgefüllten Flaschenbieres von 61 Millionen Hektolitern (bei 91 Millionen Gesamtausstoß 1972).

Auch der Bayerische Brauerbund wiegelt ab: „Alle reden von 20 Prozent. Das glauben wir nicht, wir nehmen nur rund fünf Prozent an.“ Hieb- und stichfeste Untersuchungen gibt es aber nicht, denn kaum ein Brau-Boß gibt zu, daß er sein Bier verschleudert. Präsident Alfred Sauerteig vom Verband bayerischer Mittelstandsbrauereien klagt: „Es sind immer nur die anderen, die diese ‚Geisterbiere‘ herstellen.“