ARD, Freitag, 6. Juli: „Ist das Volk so tümlich? Volkstheater im Fernsehen“, von Melchior Schedler und Martin Wiebel

Ein bayerisches Herrenterzett sang das Hohelied männlicher Autorität. Ein Arbeiter aus Hamburg erwies sich beim Betreten eines herrschaftlichen Hauses als proletarischer Stoffel, da er nicht einsehen wollte, wieso das Papier vor der Überreichung eines Blumenstraußes entfernt werden müsse. Macht nicht erst das Papier, so seine Überlegung, den Gebrauchswert Rosen zum Tauschwert, da es darauf verweist, daß das Bukett aus dem Laden und nicht aus den Anlagen stammt? Kleine Leute stellten sich als Dummköpfe vor und bezeugten, unangemessen handelnd, die Diskrepanz zwischen mittelständischem Anspruch und Unterschichtsleistung (Prolet, du lernst es nie, mit Messer und Gabel zu essen; bleib an der Theke, Gastwirt: Das Schicksal schlägt zu, wenn du den, Großbürger herauskehren willst.)

Väter behielten recht (Muster des bürgerlichen Rührstücks: Wenn der Vorhang sich-senkt, sind alle in stummer Rührung um den Hausvater versammelt), Frauen waren töricht, Außenseiter wurden verlacht: Zwei erfahrene Autoren, Schedler und Wiebel, untersuchten an Hand ausgewählter Situationen und Szenen Klischees und Stereotypen des Volksstücks. Die Diktion war verständlich und nüchtern, was demonstriert werden sollte, wurde vortrefflich belegt; statt ihr Sujet aus der Position von Allwissenden wortreich zu analysieren, beschränkten sich Schedler und Wiebel auf die Erörterung einiger weniger Thesen und ließen im übrigen diejenigen sprechen, deren Bedürfnissen scheinbar – und nicht anscheinend – die Samstagabendunterhaltung entspricht. Arbeiter, die sich zu Beginn der Sendung vor Lechen ausschütteten über den Etappenhasen, den Untermieter und den Toten, der gar nicht tot war, begannen zu erkennen (und der Betrachter am Bildschirm wiederholte, sich mit den Redenden identifizierend, den Erkenntnisprozeß), daß sie, die Volksstücklacher, in Wahrheit sich selber verlachen – sich selbst in ihrer (vermeintlichen) Trotteligkeit und ihrem unangemessenen Auftreten: immer zum falschen Zeitpunkt, immer als unpassender Gast, immer als Tolpatsch an den Pranger gestellt!

Warum denn immer wir? fragen die Arbeiter, warum niemals die andern da oben? Wo es doch so angenehm sei, wenigstens vor dem Bildschirm dem am Arbeitsplatz Verwehrten frönen zu können: über einen Vorgesetzten zu lachen, laut und ins Gesicht hinein! Ratlosigkeit breitete sich aus: ein Stück im Milieu der oberen Stände – würden das nicht die Reichen verbieten? Und wenn nicht – wie sähe es aus, so ein Stück?

Einen Atemzug lang stand da eine gefährliche Frage im Raum. Dann aber sprang, als Nothelfer der regierenden Ordnung, Willy Millowitsch in die Bresche: Was schert uns Macht, rief er aus, solange wir zu lachen verstehen? Nur das Volk hat Humor! Nicht die Großen! Denkt doch, redete Willy M. den Arbeitenden zu (und die Arbeiter nickten), wie viele nette Begebenheiten es einst im Schützengraben gegeben hat! Und an dieser Stelle, denke ich, hätten die Autoren den Film anhalten und den Satz vom Schützengraben wiederholen lassen sollen, um auf diese Weise die Beziehung zu den Situationen des Volksstücks deutlich zu machen und dem Betrachter am Bildschirm zu zeigen, daß sein Gelächter identisch mit dem Geblök des Schlachtviehs sein könne.

Dann wären, von knappen Kommentaren eingeführt, hinter den Fakten die Faktoren sichtbar geworden, die die Fakten bestimmen, und hinter den Tatbeständen die für sie verantwortlichen Gründe. Dann hätte man nicht nur das, was ist, illustriert, sondern auch gezeigt, warum es so ist. Warum zum Beispiel der Arbeiter im Volksstück nie bei der Arbeit, sondern nur bei der Freizeit vorgeführt wird.

Und schließlich hätte man, um zu beweisen, daß es auch andere Volksstücke gibt, eine Szene aus der sozialen Humoreske „Ein Schlingel“von Jean Baptiste von Schweitzer gespielt, in dem der Arbeiter Roth dem großen Fabrikanten und Commerzienrath eine revolutionäre Bußpredigt hält! Und dazu den Satz gesagt: So, meine Damen und Herren, spielte man vor einhundert Jahren in sozialdemokratischen Kreisen Theater. Sie sehen: Der Weg vom Volkstheater zum „Volksstück“ ist lang – und führt bergab.

Momos