Von Willy Hochkeppel

Beim Tode Theodor W. Adornos vor vier Jahren wollte einem seiner einstigen Bewunderer nur noch das böse Heine-Wort einfallen: „Sie waren schon lange gestorben, sie wußten es nur noch nicht.“ Das war natürlich auch auf den anderen des Dioskurenpaares gemünzt, den Begründer der sogenannten Frankfurter Schule, Max Horkheimer, der zu dieser Zeit noch lebte und dachte, freilich schon anders dachte, als es den Jung-Revolutionären, die er inspiriert hatte, gefiel.

Nun, beim Tode Max Horkheimers – er starb neunundsiebzigjährig am vergangenen Samstag in Nürnberg –, entsinnt man sich, daß schon seit längerem vom „Ende“ der Frankfurter Schule geraunt wurde, daß die strengsten Richter, etwa Hans Heinz Holz, den „Verfall“ der Kritischen Theorie ausdrücklich ihrem Initiator Max Horkheimer anlasteten und daß aus dem Lager der „positivistischen“ Widersacher triumphierend eine „Dekomposition“ der Kritischen Theorie diagnostiziert worden war (Ernst Topitsch).

Tatsächlich hat sich Horkheimer in seinen letzten Lebensjahren scheinbar beträchtlich vom hartenKern seiner ursprünglichen Theorie entfernt, die freilich nie ganz einem orthodoxen politischökonomischen Marxismus verpflichtet gewesen war. Horkheimer gab mehr und mehr einer nostalgischen Sehnsucht nach dem ganz Anderen Ausdruck, ein orakelnder Ton schlich sich in seine Bemerkungen, und theologisierende, metaphysikdurchtränkte Denkfiguren dominierten schließlich in seinen Reden. Seine Verwirrung ging, in den Augen der Intellektuellen beider Lager, so weit, daß er Nietzsche über Marx stellte, daß er, zum Schrecken der Linken, zwischen Nazismus und Stalinismus nicht mehr unterscheiden wollte, vor Kritik mit dem Ziel totaler Veränderung warnte und sogar dem liberalistischen Konkurrenzmotiv eine gute Seite abzugewinnen vermochte.

Das alles mag innerhalb des Rahmens der Kritischen Theorie in der Tat nach Verfall riechen. Von einem Punkt außerhalb der engen Schulmauern beobachtet, ließe sich in solchen Wendungen indes das Besonnenere erkennen, daslnsistieren auf einer durch Erfahrung – bittere Erfahrung–korrigierbaren Vernünftigkeit, oder ganz einfach Horkheimers Unfähigkeit, sich dem Dogmatismus zu überlassen.

Zielscheibe für Brecht

Übrigens kam Horkheimers Kurswechsel nicht so von ungefähr, wie das seine erschreckten jungen Adepten glauben. Von Schopenhauer wenigstens und Nietzsche hat Horkheimer nie gelassen, und auch der Metaphysik wollte er den Abschied nicht geben – man lese dazu seine Aufsätze „Materialismus und Metaphysik“ (1933) oder „Der neueste Angriff auf die Metaphysik“ (1937).