Seit der Zwischenkriegszeit ist Europa nicht mehr das Feld so intensiver diplomatischer Aktivitäten gewesen wie im Jahre 1973: Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki, Verhandlungen über Truppenreduzierungen in Wien, Gespräche über die Begrenzung der strategischen Waffen in Genf, die weltweiten Zollverhandlungen im GATT, Erörterungen über die Reform des internationalen Währungssystems, die mannigfachen zweiseitigen Spitzenbegegnungen der Regierungschefs in Ost und West und zwischen beiden Lagern.

Die Europäische Gemeinschaft und die Vereinigten Staaten sind bei diesen großen Verhandlungen wesentliche Akteure und Partner, gelegentlich auch Gegenspieler. Beide handeln vor dem Hintergrund tiefgreifender Wandlungen des internationalen Systems, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Ehemals feindliche Beziehungen entwickeln kooperative Dimensionen, während alte Freundschaften belastende Spannungen erfahren. Neue Machtzentren entstehen, während alte ihre Rolle neu definieren. Die Weltwirtschaft befindet sich in einem derart kritischen Stadium, daß die alten Lösungen nicht mehr angemessen sind. Die gleichen Entwicklungen, die neue Gelegenheit für eine Ost West Zusammenarbeit in einigen Bereichen bieten, erschweren paradoxerweise die Aufrechterhaltung der Sicherheit in anderen. Alle diese Gegebenheiten deuten also auf eine Periode wichtiger Entscheidungen, Ungewißheiten und potentieller Instabilitäten hin.

Die Entscheidungen, die in den nächsten Jahren von den Hauptakteuren des internationalen Systems gefällt werden, entscheiden aller Voraussicht nach darüber, ob sich die verbleibenden Jahrzehnte dieses Jahrhunderts durch Mäßigung, Abwesenheit von Krieg und friedlichem Wandel auszeichnen oder ob wir in eine Phase der wirtschaftlichen und politischen Instabilität eintreten. Für die Europäische Gemeinschaft liegt in diesen Wandlungen und Aufgaben die große Herausforderung: Ihr Beitrag ist entscheidend für die Lösung der großen anstehenden Fragen in Europa und der Weltpolitik. Wie die Europäische Gemeinschaft und die USA hierbei kooperieren und wie sie ihr Verhältnis neugestalten können, entscheidet mit, ob die Bedingungen des Friedens verbessert und die Probleme der Weltwirtschaft und der Entwicklung gelöst werden können. Während die Beziehungen zwischen den Alliierten der Nachkriegszeit unter Unsicherheiten und Spannungen auf Grund des kritischen Zustandes der internationalen Wirtschaft leiden, verbessert sich das Verhältnis zwischen traditionellen Gegnern zunehmend. Besonders im Falle Europas, des Brennpunktes des Ost West Antagonismus, schafft eine gegenseitige Anerkennung essentieller Interessen eine Ausgangsbasis, um die weiterbestehenden Interessen- und Zielkonflikte zwischen den beiden Seiten zu mildern.

Ausgangspunkt der im Westen entwickelten Zielvorstellungen und tatsächlich betriebenen Entspannungspolitik ist die veränderte Bedrohungsvorstellung im Hinblick auf den Gegner, die im übrigen Ost und West teilen. Eine offene Aggression durch die Gegenseite und die Wahrscheinlichkeit eines großen Krieges wird für sehr gering erachtet. Die in den letzten Jahren getroffenen Ost West Abkommen in Europa und die zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion erreichten Abmachungen bringen diese gewandelten Perzeptionen nicht nur zum Ausdruck, sondern verringern aktiv die vorhandenen Bedrohungsvorstellungen und verstärken damit die Möglichkeiten und Anreize zur Kooperation und zum Spannungsabbau. Hinsichtlich der Motivationen und Zielsetzungen der westlichen Politik des friedlichen Wandels lassen sich etwa vier Grundmuster erkennen, die sich zwar in mancher Hinsicht berühren und überlagern, die jedoch jeweils andere Schwerpunkte setzen.

Erstens: Konzentration vor allem auf die Verminderung des Risikos gewaltsamer Konfliktaustragung als Hauptziel einer Politik friedlichen Wandels. Hier wird also Entspannungspolitik vor allem verstanden als eine Methode, durch kooperative Rüstungssteuerung, Verfahren des gegenseitigen Krisenmanagements und der Konfliktsteuerung, über Abbau von irrationalen Feindbildern und Kooperation den Ausbruch von Kriegen zu verhindern und einen "stabilen" Zustand zu erreichen, in dem Gewalt unter Kontrolle gebracht ist. Kooperation wird in diesem Zusammenhang vor allem unter dem Gesichtspunkt der Schaffung gegenseitiger Abhängigkeiten gesehen, die die Kosten eines militärischen Konflikts erhöhen und unwahrscheinlicher machen. Kooperation muß, um zur Kontrolle von Gewalt beizutragen, "paritätisch" sein, das heißt, Gewinne müssen gleichmäßig verteilt und neue Interdependenzen dürfen nicht zur Abhängigkeit werden.

Eine zweite Argumentationskette sieht mit dem Blick auf die hohen gesellschaftlichen Kosten des Ost West Konflikts in einer Entspannungspolitik vor allem die Möglichkeiten einer Verminderung der hohen Konfrontationskosten, etwa durch Herabsetzung der Rüstungsaufwendungen und eine Optimierung eigenen Nutzens durch ökonomische Kooperation und wissenschaftlich technischen Austausch. Gerade der hohe Nachholbedarf an kostspieligen gesellschaftlichen Reformen in Ost und West sowie der technologische Rückstand in einigen Gebieten im sozialistischen Lager schafft die Notwendigkeit und Möglichkeit, die Kosten der Konfrontation zu senken. Eine solche Entwicklung ist durchaus vereinbar mit einem Weiterbestand des Ost West Konflikts, vor allem auf ideologischer Ebene — zum Teil sogar verschärft durch höhere Interaktion und die Notwendigkeit der Abgrenzung.

Als drittes Argumentationsmuster, das sich zumindest stillschweigend, wenn nicht ausdrücklich durch fast alle Äußerungen über Strategien des politischen Wandels in Europa hindurchzieht, wäre anzuführen das Ziel der Schaffung systemübergreifender Integration durch funktioneile Kooperation auf einer möglichst großen Zahl von Einzelgebieten. Es handelt sich hier um eine Anwendung auf die Ost West Beziehung der ursprünglich in einem anderen Zusammenhang entwickelten Theorie des Funktionalismus, die — vereinfacht ausgedrückt — von der These ausgeht, daß durch übernationale Zusammenarbeit auf bestimmten technisch ökonomischen Gebieten eine rationalere Verteilung der vorhandenen Ressourcen möglich ist, Loyalitäten und Erwartungen allmählich vom nationalstaatlichen auf einen übergeordneten gemeinschaftlichen Rahmen verlagert werden und durch einen, allmählichen Prozeß eine supranationale Ordnung- aufgebaut wird, in der Konflikte schließlich ohne Gewalt ausgetragen werden. Hier liegt die theoretische Basis aller jener Vorschläge, die davon ausgehen, daß wirtschaftliche Kooperation oder wissenschaftlich technische Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westeuropa langfristig eine positive Wirkung im Sinne des Aufbaues einer übergeordneten Interessengemeinschaft haben werden. Auf diesem Gebiet sind wichtige wissenschaftliche Arbeiten über Vorbedingungen, Methoden und Möglichkeiten funktionalistischer Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westeuropa vorgelegt worden.