Konkrete Fremde, abstrakt analysiert

Von M. Y. Cho

Auch Japan ist in den Massentourismus einbezogen, eine Welle von Japan-Literatur hat unseren Büchermarkt überschwemmt. Dabei sind die neuen Bücher nicht unbedingt neu – viel wird abgeschrieben, umgeschrieben. Um so mehr freut sich der Rezensent, wenn er auf ein wirklich neugeschriebenes Buch stößt:

Dietrich Krusche: „Konkrete Fremde – Japan“; Meta Verlag, München 1973; 159 Seiten, 18,80 DM

Der Autor, 1966–69 Lektor an der Universität von Okayama und bekanntgeworden durch sein bereits in zweiter Auflage vorliegendes Buch „Haiku – japanische Gedichte“, analysiert auf Grund seiner Erfahrungen das für uns Fremdartige in Japan. Er ist einer der wenigen, die nicht einfach berichten, worüber sie in Japan verwundert oder verärgert waren; sondern er versucht zu ergründen und begründen, weshalb es zu solchen Reaktionen kommt. Der Autor erkennt richtig, daß sich dies nur auf dem dialektischen Wege der Kritik und Selbstkritik erreichen läßt, mit dem Ziel, einen wirklichen Dialog zwischen Ost und West in die Wege zu leiten. Denn „Japan braucht seine Fremden... Europa braucht sein Japan“. Leider haben solche klaren Formulierungen in diesem Buch, das von dem Bemühen um wissenschaftliche Abstraktheit durchdrungen ist, Seltenheitswert.

So lautet denn der Untertitel des Buches: „Eine Kritik der Modalitäten europäischer Erfahrungen von Fremde.“ Im Text liest sich die Kritik so: „Allzu oft in der Auseinandersetzung Europas mit fernöstlicher Fremde diente Japan als Objekt in einem kontemplativen Erkenntnisvorgang, wurde es zum Anlaß zu europäischem ‚Verstehen‘, ‚Erfühlen‘, ‚Deuten’ wobei Europa sich selber als Maßstab des Erkennens und Wertens einsetzte und Japan, zum Vergleichsgegenstand degradiert, nur ein Mehr oder Weniger sein konnte als Europa. Dabei bietet Japan in seiner extremen geschichtlichen Distanz zu Europa die Möglichkeit, geschichtliche Fremde exemplarisch zu erfahren, sich der Bedingungen europäischer Fremdheitserfahrung bewußt zu werden.“

Im ersten Teil seines Buches weist Krusche an Hand einer historischen Analyse nach, „die konkrete Fremde Japans“ sei „Ergebnis seiner europafernen geschichtlichen Vergangenheit und der Verbindung mit europagewachsener Industriestaatlichkeit“. Dabei erweist sich der Autor als „Konfigurationist“, das heißt, er stellt die Vergleichbarkeit überhaupt in Frage.