Von Gabriele Venzky

Vor fünf Wochen noch hatte Prinz Sihanouk dem amerikanischen Präsidenten Verhandlungen für einen ehrenvollen Frieden angeboten. Nun verbat sich Kambodschas exilierter Staatschef den Besuch Henry Kissingers: „Für Gespräche ist es jetzt zu spät.“ Seine Begründung: „Der amerikanische Imperialismus versteht keine andere Sprache als die Gewalt. Deshalb muß man ihm mit Gewalt antworten.“

Hinter diesem offensichtlichen Sinneswandel steht die Sorge des Prinzen und der ihn protegierenden Chinesen, daß jetzt, da der Sieg der Roten Khmer, der Anti-Lon-Nol-Gruppierungen in Kambodscha, greifbar nahe scheint, die Nordvietnamesen die Früchte des Sieges ernten. Denn vieles deutet darauf hin, daß sich „Kissingers Kissinger“ Sullivan und Hanoi auf einen Kambodscha-Kompromiß geeinigt haben, der auf eine Koalitionsregierung in Pnom Penh und damit auf ein Übergewicht des nordvietnamesischen Einflusses hinausläuft.

Die Roten Khmer wollen aber nicht mehr weiter verhandeln, sie drängen auf die militärische Entscheidung! denn

  • die Handlungsfreiheit Präsident Nixons ist mehr denn je durch den Watergate-Skandal gelähmt,
  • die Frist bis zum 15. August, die der Kongreß dem Präsidenten für die Bombardierung Kambodschas gesetzt hat, bringt die amerikanische Regierung unter Zeitdruck,
  • die kambodschanischen Regierungsstreitkräfte sind kein ernst zu nehmender Faktor mehr.

Dennoch strebt Washington eine Verhandlungslösung an. Die Amerikaner haben eine Kehrtwendung in ihrer bisher kompromißlosen Kambodscha-Politik vollzogen. Die Devise heißt jetzt: Bombardieren und miteinander sprechen und nicht mehr bombardieren, um miteinander zu sprechen. Washington zwang das Regime Lon Nol der Gegenseite Verhandlungen anzubieten und suchte die Vermittlerdienste verschiedener Staaten. Das Weiße Haus umschrieb diese Initiativen mit delicate negotiations. Von Verhandlungen kann allerdings noch keine Rede sein, eher von Sondierungen. Das gilt sowohl für die Gespräche zwischen Nixon und Breschnjew über Kambodscha als auch für die Unterredung des amerikanischen Präsidenten mit dem Leiter des chinesischen Verbindungsbüros in Washington, Huang Cheng, der mit ungewöhnlichem Aufwand eilends ins kalifornische Weiße Haus nach San demente geflogen wurde.

Washington hatte an drei Punkten angesetzt, um einen Waffenstillstand in Kambodscha zu erreichen: in Hanoi, um an die von den Nordvietnamesen abhängigen Teile der Roten Khmer heranzukommen, bei der Regierung in Pnom Penh und bei den Sihanoukisten in Peking. Obwohl Henry Kissinger nach seiner letzten Vietnam-Vereinbarung mit Le Duc Tho auch eine Einigung über das Problem Kambodscha andeutete, scheint es damit nicht so weit her zu sein. Gleichermaßen trügerisch ist die Hoffnung der kambodschanischen Regierung mit der angeblich zersplitterten Gegenseite grüppchenweise zu verhandeln. Der Versuch, den Waffenstillstandsplan Lon Nols, der nichts anderes bietet als die Leerformeln des Vietnamabkommens vom 27. Januar, zum Verhandlungsgegenstand zu machen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt.