ARD, Sonntag 8. Juli: „Tatort: Kressin und die zwei Damen aus Jade“, von Karlheinz Willschrei und Rolf von Sydow

Kressin ist nicht mehr. Nach allerlei internen Querelen hat der WDR den potenten Zollfahnder mit dem entschieden synthetischen Brachial-Charme nun endgültig aus dem Verkehr gezogen. Ein Nachfolger steht schon bereit. Haferkamp heißt er, von der Kripo Essen, und der norddeutsche Menschendarsteller Hansjörg Felmy wird den neuen Mann am „Tatort“ ebenfalls als einen jener so ungemein menschlichen „Bullen mit Macke“ spielen, die in den letzten Jahren auch hierzulande in Mode gekommen sind. Trimmel und die Folgen: Realismus ist, wenn

Kein deutscher Fernseh-Fahnder wurde je so erbarmungslos über den Parcours der „liebenswerten Schwächen“ gehetzt wie der verstorbene Kressin. Mindestens zwei Damen mußte er pro Folge konsumieren, Pünktlichkeit oder gar plane Schreibtisch-Strategie galten ihm als kaum noch läßliche Sünde. Zweifellos ein anstrengendes Dasein, all das und manches mehr, und wenigstens Samuel Fuller bewies Mitgefühl, indem er dem Vielgeplagten in der „Toten Taube“ die Rolle eines Edel-Statisten verschrieb.

Weniger zimperlich zeigten sich die Herren Willschrei (Buch) und von Sydow (Regie), die den zum Tode verurteilten Zöllner mit dem dünnblütigen Derivat einer drittklassigen James-Hadley-Chase-Fabel verabschiedeten, in deren beziehungslosem Nebeneinander von wirren Dialogen und unmotivierter Aktion sogar ein so unverwüstlicher Tatmensch wie Kressin seine liebe Not hatte, die Übersicht zu behalten. Irgendwie ging es um Goldschmuggel, aber auch um Schmuck und um Schachfiguren aus Jade, überhaupt um dieses und jenes. Unvermutet tauchte wieder einmal Gangsterboß Sievers auf, der kultivierte Schmalspur-Mabuse des WDR, dem grundsätzlich immer alles in die Schuhe geschoben wird.

Rolf von Sydow hat die Intrige offenbar ebensowenig verstanden wie einst Howard Hawks die von Chandlers „The Big Sleep“. Doch im Gegensatz zu jenem beschränkte er sich weitgehend darauf, den Abend mit einigen groben Regiefehlern aufzulockern. Das war schon spannend, wenn da plötzlich das Mikrophon im Bild baumelte oder wenn Kressin unversehens einen Pullover anhatte, von dem man nicht recht wußte, wo der herkam. Dazu eine schlampige Tontechnik und jene jazzig aufgemotzte Thriller-Musik, die inzwischen auch den unbedarftesten Zuschauer sanft in den abendlichen Halbschlaf wiegt. Eine derart lieblose Beerdigung wurde einem deutschen Helden noch nie zuteil.

Hans C. Blumenberg