Von Joachim Nawrocki

Berlin, Im Juli

In Ost-Berlin gehen wieder einmal die Uhren anders. Die Zeit wird am Beginn der „X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ gemessen. An diesem Donnerstag sind es noch 16 Tage bis zur Eröffnungsveranstaltung im Stadion der Weltjugend, das früher einmal Walter-Ulbricht-Stadion hieß. Rund 60 000 Teilnehmer werden aus dem Ausland erwartet, in zwei Etappen kommen 240 000 Jugendliche aus der DDR nach Berlin. Neun Tage lang, vom 28. Juli bis zum 5. August, muß die Stadt also jeweils 180 000 Gäste beherbergen, verpflegen und unterhalten.

„In unserer FDJ-Grundorganisation im Kreis Demmin wird immer häufiger auf den Kalender geschaut“, erklärt Christel Bauer, Zootechnikerin in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft „Ökonomie“ aus Sarow. „In wenigen Tagen werden wir unsere Verpflichtung, gute Gastgeber der Jugend und Studenten zu sein, einlösen. Deshalb haben wir eng mit den FDJlern der Schule unseres Dorfes zusammengearbeitet. So gestalteten wir zum Beispiel gemeinsam mit ihnen einen großen Jugendtanzabend, dessen Erlös auf das Festivalkonto überwiesen wurde.“

Die politischen Spiele sind offenbar sehr teuer. So wurden Festivalaufgebote beschlossen. Festivalaufträge vergeben und Festivalinitiativen gebildet. Was immer durch „Neuerervorschläge“, Planübererfüllungen oder „Subbotniks“ (freiwillige Arbeitseinsätze) erwirtschaftet wurde, das wird entweder auf das Festivals- oder auf das Solidaritätskonto überwiesen. Die Initiativen reichen vom Renovieren von Klassenräumen als Unterkünfte für Gäste über das Versprechen, mehr Milch zu produzieren, bis zur Schrottsammlung und freiwilligen Weiterbildung.

Beispiel aus der FDJ-Grundorganisation VEB Kraftwerke Lübbenau/Vetschau: „630 Abzeichen für gutes Wissen erworben, 24 Arbeiter baten um Aufnahme als Kandidat der SED, 20 Agitatorenkollektive arbeiten, die Subbotniks erbrachten 25 017 Mark, 45 Jugendobjekte übernommen, die Aktion Schrott erbrachte 1193 Tonnen Schwermetall, 478 FDJler sind junge Neuerer, die Aktion Materialökonomie brachte 1 971 661 Mark, 43 FDJler werden als Soldat auf Zeit und neun als Offizier in unserer NVA dienen.“ Für die besten Initiativen werden fünfzig Thälmann-Ehrenbanner verliehen.

So werden, nimmt man alles zusammen, viele Millionen Mark auf den Festivalkonten eingehen. Aber die Bewirtung und Unterbringung von 300 000 Teilnehmern, die über 1000 Veranstaltungen an den neun Tagen, die Verschönerung Ost-Berlins (sogar die S-Bahn wurde frisch gestrichen), die Herrichtung von Stadien und Veranstaltungsräumen, die Organisation – das alles ist auch ein teurer Spaß. Die Frauenzeitschrift Für dich beruhigte bereits ihre Leser: Die „große, einheitliche Kraft der fortschrittlichen Weltjugend“ sei mit Geld gar nicht aufzuwiegen. Außerdem würden bei der Vorbereitung materielle Werte geschaffen, die die Kosten des Festivals um ein Vielfaches übersteigen. Ein bißchen sollen auch die Gäste selber dazu beitragen: Am dritten Tag der Spiele wird im Treptower Park ein internationaler freiwilliger Arbeitseinsatz organisiert.