Es heißt, daß die Musikhochschulen zu viele Pianisten ausbildeten. Das Angebot übersteige die Nachfrage. Aber das muß ein Irrtum sein. Denn das Publikum liebt Pianisten. Ja, es gibt unter den Tastenvirtuosen einige, denen von der musikalischen Öffenlichkeit eine geradezu masochistische Liebe entgegengebracht wird.

So einer ist Arturo Benedetti-Michelangeli. Sobald die Leute vernehmen, daß er in ihrer Stadt auftreten werde, rennen sie nach den Eintrittskarten. Auch ich bin hin-, gerannt, stand in der Schlange, zahlte, erhielt mein Billett.

Als aber der Konzertabend stattfinden sollte, ließ der Meister sagen, er werde nicht spielen. Es wurde sogar ein Grund angegeben. Entweder war es so, daß ihm zugemutet wurde, er solle an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im selben Saal vor jeweils etwa zweitausend Zuhörern musizieren. Oder es sollte zwischen zwei Konzerten ein Abend ohne Auftritt sein. In jedem Falle hatten die Konzertmanager falsch gehandelt. Eine Zumutung für Benedetti-Michelangeli! Aber wir, das Publikum, sollten es büßen. Wir sollten nach Hause gehen und in acht Tagen wiederkommen.

Wir murrten nicht, wir schimpften nicht, wir verlangten kein Geld zurück. Es hätte sich nämlich herumgesprochen, daß dieser Künstler Charakter hat. Wenn er nein sagt, gilt das Nein. Da können zwei- oder viertausend Leute sich auf den Kopf stellen: Er spielt nicht, sondem setzt sich in seinen Sportwagen und tritt aufs Gas- anstatt auf das Klavierpedal. Er spielt nicht. Er brummt uns was. Und wir, die Musikkenner, sind begeistert. Er könnte uns die breite Treppe im Konzerthaus dreimal. hinauf und herunter schicken, wie es einst in den Kasernen die Feldwebel taten. Wir nähmen, nichts übel.

Unlängst, beim Festival in Straßburg, erreichte die Charakterkunst des angebeteten Benedetti-Michelangeli ihren Höhepunkt: Obwohl er seinem Namen nach ein Italiener sein könnte, ja, sogar zwei, besteht er darauf, Südtiroler zu sein. Er liebt die Italiener nicht. Er zog in die Schweiz und sagte: „In Italien spielen? Nimmermehr.“ Und schließlich; ließ er verkünden, es, könne überhaupt die ganze italienische-Musik ihm gestohlen bleiben. Und da mußte er erfahren, daß an der Vorbereitung des Musikfestes von Straßburg, an dem mitzuwirken er sich vertraglich verpflichtet hatte, das römische Kultusministerium beteiligt war und das sozusagen noch finanziell. Was nun?

Michelangeli zeigte seinen Charakter. „Im Rahmen des Festivals spiel’ ich nicht. (Bravo, bravo!) Nichtsdestoweniger aber geb’ ich mein Konzert. Ich gebe es außerhalb des Rahmens!“ (Bravo, bravo, bravo!)

Angesichts dieser Charakterstärke ist an die wunderbare Geschichte jenes Rabbi zu erinnern, der in Gewissensnot kommt, weil er am Sabbat über Land gehen soll in einer dringenden Sache und doch auch andererseits nicht gegen das Gebot verstoßen darf, den Ruhetag zu heiligen. Er betet also. Und was tut Gott?

Er wirkt ein Wunder: Überall ist Schabbes im Lande. Rechts ist Schabbes. Links ist Schabbes. Nur dort, wo der brave Rabbi über Land geht, nur dort ist Sonntag.