Von Horst Rautenhaus

Jacky Ickx blickte unzufrieden und überrascht drein. Beim ersten Training zum 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring waren nicht nur die beiden Matra-Piloten Cevert und Beltoise schneller als sein Ferrari, sondern auch die Konkurrenz aus Italien, der neue 12-Zylinder-Alfa-Romeo 33 TT 12 unter dem Kölner Rolf Stommelen. Auf die Frage, wie denn das möglich sei, hatte der Belgier, der sonst auf dem Nürburgring ohne Gegner ist, nur die lakonische Antwort „I don’t know“ parat. Nun, auch im zweiten Training konnte der 28jährige Belgier nicht die Zeiten der Matra und Alfa erreichen (obwohl er durch eine falsche offizielle Zeitnahme dann doch noch in der ersten Startreihe stand.) Und auch im Rennen mußte Ickx den Cevert/Beltoise-Matra ziehen lassen, ohne irgend etwas dagegen tun zu können. Daß der Sieg dennoch an Ferrari ging, lag einzig und allein daran, daß der französische Zwölfzylinder vorzeitig die Waffen strecken mußte.

Ferrari bei einem Rennen zur Markenweltmeisterschaft nicht ganz vorn. Noch vor einem Jahr wäre ein solcher Satz fast undenkbar gewesen. Denn da siegten die roten Boliden aus Modena überall, wo sie auftauchten. Zehnmal erschienen die Renner mit dem springenden Pferd im Wappen auf Europas und Amerikas Rennstrecken, zehnmal überfuhren sie als Sieger die Ziellinien. Eine Erfolgsbilanz, wie sie bisher im Rennsport nur noch das McLaren-Team bei den Rennen zur CanAm-Serie aufzuweisen hatte. Nur einmal, beim wichtigsten aller Rennen – den 24 Stunden von Le Mans –, ließ der Commendatore Enzo Ferrari seine Wagen nicht starten, weil er Um die Standfestigkeit der Motoren bangte. Bei diesen 24 Stunden erschien ein Bewerber, der sonst die Konfrontation mit Ferrari gemieden hatte: Matra. Nur einmal gingen die Franzosen in der letzten Saison an den Start, und das ebenfalls mit Erfolg. Die Konkurrenz – Alfa Romeo, Gulf-Mirage und Lola, ging leer aus.

Die Alfas, die 1971 noch drei Rennen hatten gewinnen können, gingen mit zu schweren und zu schwachen Fahrzeugen ins Rennen. Man war noch auf den alten Acht-Zylinder-Motor angewiesen, die Ferrari dagegen gewannen ihre Kraft aus zwölf Zylindern. Zwar hatten die Italiener auch einen Zwölfzylinder fertig, Schwierigkeiten aller Art jedoch zwangen sie immer wieder, das Renndebüt dieses Aggregates hinauszuschieben.

Die englischen Gulf-Mirage-Prototypen waren eine Neuentwicklung und hätten die ganze Saison über mit Kinderkrankheiten zu kämpfen. Auch war man sich in England nicht ganz klar darüber, ob man den V8-Cosworth-Formel-l-Motor in einer für den Langstreckenbetrieb herunterfrisierten Version oder einen ebenfalls mit Ford-Mitteln von Weslake entwickelten V12 verwenden sollte. Bis endlich die Würfel fielen (in diesem Jahr), hatte man durch dauernde Testfahrten mit dem VI 2-Wagen wertvolle Zeit verloren.

Zwar waren die unter Leitung des John-Wyer-Teams antretenden Wagen (mit der V8-Maschine) recht schnell, doch mit der Zuverlässigkeit haperte es. Der Lola, der ebenfalls mit der Ford-Grand-Prix-Maschine ausgerüstet war, erwies sich zwar in einigen Rennen als ausgesprochener Hecht im Karpfenteich, doch auch er sah nie die Siegerflagge. Grund hierfür war hauptsächlich die mangelnde Vorbereitung durch die Scuderia Fillipinetti (ein Werkswagen wurde nicht eingesetzt). Dies war durch das Fehlen eines finanzkräftigen Sponsors zu erklären. Erst als man den richtigen Geldgeber gefunden hatte, waren die Wagen beim letztjährigen Le-Mans-Rennen schnell und zuverlässig. Doch als Spitzenpilot Bonnier mit dem T280 tödlich verunglückte, waren Chancen und Ehrgeiz für die restliche Saison dahin.

Diese Prämissen galten für die Saison 1973. Die Frage, die immer wieder gestellt wurde: Wird es wieder ein Ferrari-Jahr oder gibt es in dieser Saison endlich ein Team, das den Ferrari Paroli bieten kann? Schon das erste Rennen im amerikanischen Daytona Beach endete mit einer Überraschung. Die Ferrari erschienen erst gar nicht. Das Rennen war von sechs Stunden (im. vorigen Jahr) wieder auf 24 Stunden verlängert worden. Bei Ferrari bangte man wieder einmal um die Standfestigkeit der Wagen. Alfa Romeo war immer noch am Basteln, um die neuen Aggregate zur Rennreife zu bringen. So traten nur Matra, Lola, Gulf-Mirage und Porsche an. Die Deutschen allerdings nicht mit einem Sport-Prototyp, sondern mit dem Carrera RS, der einigen Privatfahrern und dem Penske-Team schon zur Verfügung stand. Die 24 Stunden Renndauer sollten dann mit einer Blamage für die Prototypen enden: einer nach dem anderen mußte die Segel streichen. Unerwarteter Sieger wurde so der Porsche Carrera der amerikanischen Mannschaft Gregg/Haywood.