Von Dieter Buhl

Der Bummelstreik der Fluglotsen hat ihn zum erstenmal zu einer zentralen Figur innerhalb der Bundesregierung werden lassen, aber Lauritz Lauritzen scheint die in diesen Tagen gegebene Chance des Popularitäts- und Profilgewinns nur widerwillig wahrzunehmen. Während sein Gegenspieler, der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Flugleiter (VDF), Wolfgang Kassebohm, die Kunst der Selbstdarstellung bereits mit der Routine einer altgedienten Figur der Zeitgeschichte praktiziert und sich der Nation am Fernsehschirm selbstsicher von der telegensten Seite her darbietet, hatte der Minister noch in einer seiner stärksten Stunden Bedenken, sich dem Fernsehvolk zu präsentieren; Das Angebot des Zweiten Deutschen Fernsehens, Begründung und mögliche Folgen der von ihm beantragten einstweiligen Verfügung gegen die Fluglotsenführung vor der Kamera zu erläutern, nahm er nur nach einigem Zögern an: „Ich bin in den letzten Tagen zu häufig auf dem Bildschirm erschienen“, war die offizielle Begründung des Bundesverkehrsministers für die gewünschte Fernsehabstinenz. Aber es darf unterstellt werden, daß die Scheu vor dem Überexponieren geringer war als die vor der Kamera, denn das politische Schaugeschäft ist gewiß nicht das Metier des Schleswig-Holsteiners.

Statt unter Tiefstrahlern läßt sich Lauritz Lauritzen eher im Stillen vorstellen, in überschaubarer Runde oder in einem gut getarnten Befehlsstand, Als Libero der Bundesregierung, der in der Auseinandersetzung mit den Fluglotsen deren Forderungsattacken abzuwehren und gleichzeitig die Gegenangriffe auf die herausfordernde Solidarität der Spezialisten einzuleiten hatte, kam ihm sein Temperament sicher zupaß. Während Georg Leber, sein Vorgänger im Bundesverkehrsministerium, bei ähnlichen Gelegenheiten mit zornigen und großen Worten reagierte, die das aggressive Fähnlein der Flugleiter noch mehr zusammenschweißten, griff Lauritzen zur List.

Die ultimatigen Forderungen, die der Minister Anfang der vergangenen Woche an die Tower-Besatzungen richtete, waren womöglich nur eine politische Finte. Sie schienen, zunächst eher die Ohnmacht als das Durchsetzungsvermögen der Bundesregierung anzuzeigen. Aber die Drohung, die, säumigen Lotsen mit Regreßansprüchen in Millionenhöhe zu konfrontieren, blieb offenbar nicht ohne Wirkung. Als Kontrahent Kassebohm am Wochenende plötzlich das Hauptanliegen der Lotsen herunterspielte und behauptete, es gehe seinen Leuten in erster Linie gar nicht ums Geld, stellte Lauritzen befriedigt „ein sehr nervöses Gehabe von Herrn Kassebohm“ fest. Anrufe besorgter Lotsen im Bundesverkehrsministerium, die sich nach möglichen Regreßforderungen erkundigten, bestätigten dem Minister: Der Keil zwischen Führung und Fußvolk der aufständischen Beamten saß, Mit der einstweiligen Verfügung, die dem Vorsitzenden und dem Sprecher des VDF die Förderung oder Unterstützung des Bummelstreiks untersagt, wurde er noch ein bißchen tiefer getrieben.

Die Anzeichen einer Normalisierung auf den deutschen Flughäfen scheinen fürs erste zu beweisen, daß Lauritz Lauritzen wieder einmal ein Stück soliden politischen Handwerks gelungen ist. Kompetenzüberschneidungen im Kabinett, die unterschiedliche Interessenlage von Innen-, Finanz- und Verkehrsminister sind dabei sicherlich nicht sehr hilfreich gewesen. Zudem fehlten in der kritischen Situation auch der unmittelbare Rat, die hautnahe Rückendeckung des Bundeskanzlers; der Minister konnte sich mit dem Urlauber Willy Brandt nicht direkt, sondern nur auf dem Umweg durch das Kanzleramt über das ungewisse Schicksal Hunderttausender deutscher Urlauber beraten.

Obwohl er die Last mit den Lotsen weitgehend allein tragen mußte, zieht Lauritzen eine erste Zwischenbilanz ohne Gefühlsaufwand, ohne Stolz oder gar Zynismus. Zum einen ist er ein zu vorsichtiger Mann, um, wenn überhaupt, verfrüht in Triumphgeschrei auszubrechen; zum anderen kennt er seit einem Besuch in der Anflugkontrolle des Frankfurter Flughafens die Beschwernisse der ihm unterstellten Beamten: „Dort, wo alle 30 Sekunden eine Flugbewegung ist, muß verdammt aufgepaßt werden.“

Weil er die außergewöhnlichen Belastungen der Flugleiter anerkennt, will er deren Probleme auch nicht unter die Aktenberge kehren, selbst wenn der Bummelstreik jetzt zu Ende gehen sollte. Die Fragen, wie die Arbeits- und Besoldungsbedingungen der Lotsen verbessert, ob sie zurück ins Angestelltenverhältnis übernommen oder gar, wie in der Schweiz, einer Privatgesellschaft unterstellt werden sollen, müssen, so meint er, weiter auf der Tagesordnung bleiben. „Darüber kann man reden“, ist sein Kommentar dazu, eine Einstellung, die sicher typisch ist für Lauritzens politisches Temperament. Nicht reden will er freilich über Aufsässigkeit und disziplinloses Verhalten.