Auf den Hauptversammlungen der Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) wiederholt sich in jedem Jahr das gleiche Spiel. Die freien Aktionäre (weniger als ein Viertel des Aktienkapitals) laufen Sturm gegen die Absicht des Großaktionärs, der Hansestadt Hamburg, den Einfluß der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat über das im Betriebsverfassungsgesetz vorgesehene Drittel hinaus zu verstärken. Mit den diesjährigen Aufsichtsratsneuwahlen hat er sein Ziel nunmehr erreicht. Von 21 Aufsichtsratssitzen werden jetzt 10 durch Arbeitnehmervertreter besetzt. Lediglich drei Aufsichtsratsmitglieder können noch als „unabhängig“ gelten, alle anderen von den Aktionären „gewählten“ Mitglieder sind weisungsgebundene Behördenvertreter.

Auf Diskussionen über die Neubesetzung ließ sich der Aufsichtsratsvorsitzende, Senator Otto Hackmack, diesmal gar nicht erst ein. Er bestätigte lediglich, daß es die politische Absicht des Hamburger Senats sei, den Arbeitnehmereinfluß auf die Gesellschaft zu erhöhen. Hackmack fühlte sich auf rechtlich abgesichertem Boden, denn zwei hamburgische Gerichte haben dem Senat bisher bescheinigt, in der Wahl der Aufsichtsratsmitglieder freie Hand zu haben. Auf die Revision gegen diese Urteile beim Bundesgericht hat die klagende Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz aus formalen Gründen verzichtet. So konnte der staatliche Großaktionär seine Pläne ungehindert durch Minderheitsaktionäre durchsetzen.

Zu einer Debatte, ob künftige Parlamentsentscheidungen über die Besetzung der Aufsichtsräte auf diese Weise vorweggenommen werden sollten, kam es nicht, weil Hackmack alle oppositionellen Redner einfach ins Leere laufen ließ; Eisige Kälte schlug ihnen vom Verwaltungspodium entgegen. Antragstellende Aktionäre wurden Vom Aufsichtsratsvorsitzenden kühl über die Stimmverhältnisse belehrt und gefragt, ob sie es unter diesen Umständen überhaupt für sinnvoll hielten, ihre nicht mit den Verwaltungsvorschlägen übereinstimmenden Anträge aufrechtzuerhalten. Selten, meine verehrten Leser, habe ich eine Hauptversammlung erlebt, auf der ein Großaktionär so ungeniert auf seine Macht pochte wie bei HEW. Kein privater Großaktionär würde sich heute gleiches leisten.

Für den privaten Aktionär gibt es im Falle HEW nur die Alternative: herunterschlucken oder HEW-Aktien verkaufen. Niemand zwingt einen privaten Sparer, einer Gesellschaft Geld anzuvertrauen, in der so mit ihm verfahren wird.

Gefühlsbetonte Entscheidungen sind indessen manchmal kostspielig. Ausschlaggebend! für die Kapitalanlage kann nicht die Behandlung der freien Aktionäre während einer Hauptversammlung sein, sondern das Ergebnis der Prüfung, ob das „Kapital“ sonst in dieser Gesellschaft zu seinem Recht kommt. Vom Vorstand der HEW wird immer wieder beteuert, daß die Auseinandersetzungen um die Verteilung der Aufsichtsratssessel auf die eigentliche Geschäftsführung keinen Einfluß haben. Tatsächlich reichte die Macht des staatlichen Großaktionärs auch in der Vergangenheit schon aus, um das durchzusetzen, was er politisch für unumgänglich hielt. Dazu gehört offenbar eine Kürzung der Ausschüttung immer dann, wenn Tariferhöhungen unumgänglich geworden sind.

Eine Tariferhöhung steht aber vorläufig nicht auf dem Programm, also braucht auch niemand um die HEW-Dividende zu fürchten. Das Unternehmen verdient gut und der Vorstand setzt alles daran, daß es so bleibt. Fazit: Für 1973 wird ein Ergebnis erwartet, das nicht hinter dem von 1972 zurückbleiben wird. Es dürfte also zumindest eine Ausschüttung von 14 Prozent geben. Für 1972 wurde sie aufgeteilt in 13 Prozent Dividende plus 1 Prozent Bonus.

Daß der Vorstand um die Bedeutung seiner freien Aktionäre (oder des Kapitalmarktes) weiß, ging deutlich aus den Ausführungen von Vorstandsmitglied Dr. Oberlack hervor: „Dank der schon eingetretenen und sich weiter abzeichnenden Wiederherstellung der Ertragskraft Ihrer Gesellschaft werden wir der notwendigen Stärkung der Rücklagen unsere besondere Aufmerksamkeit widmen können und darüber hinaus sorgfältig darauf bedacht sein müssen, daß unsere Aktionäre an den erwirtschafteten Ergebnissen angemessen beteiligt werden. Wir wissen, daß wir uns so Ihr Vertrauen und damit Ihre Investitionsbereitschaft erhalten können, die wir für die Bewältigung der großen vor uns liegenden Aufgaben dringend benötigen.“