Von Karl Heinz Wocker

Musik ist die zerbrechlichste aller Künste. Bei: Bildern gibt es kein falsches Tempo, und der Rhythmus von Texten steht eindeutig fest. Natürlich steckt die Zerbrechlichkeit nicht in den Noten, sondern in der Interpretation. Um sie muß man bangen, nicht um das Stück. Kommt dann hinzu, daß man auch um den Interpreten bangen muß, dann kann Schreckliches oder Herrliches zustande kommen, in jedem Fall Unvergeßliches. Klemperer-Konzerte waren immer unvergeßlich.

Im Zeitraffer des Gedächtnisses sieht man durch die gleiche Tür seitlich des Podiums der Londoner Festival Hall, durch die soeben Boulez im Sturmschritt oder Karajan mit Kußhand abgegangen sind, Klemperer hereinkommen, auf Krücken, mit Stock und zwei stützenden Helfern. Oft war es der Beginn eines Abenteuers. Da waren die Aufführungen der 9. Sinfonie von Gustav Mahler. Das New Philharmonia Orchestra kannte das Werk und den Dirigenten genau. Eines Abends aber wurde gleich im ersten Satz klar, daß die Musiker diesmal auf eigene Faust würden spielen müssen, da die des „Doktors“ nicht einmal zu jenem sanft zitternden Wedeln imstande schien, auf das er seine Zeichengebung längst reduziert hatte. Im Saal verbreitete sich Spannung. Auf den Gesichtern der Spieler, die gerade pausierten, malte sich die Vorahnung von Katastrophalem. Ländler und Rondo wurden zwar vom Pult her vage in Gang gebracht, aber nicht mehr eigentlich geleitet. War dies das Ende?

Man ertappte sich bei dem Gedanken, daß dem Mittachtziger nach einem Leben in Musik eigentlich kein schönerer Tod zu wünschen sei als ein Herzschlag im abschließenden Adagio dieser Sinfonie, die er für die größte Schöpfung seines verehrten Mentors hielt. Mit einem Klavierauszug der 2. Sinfonie hatte er als junger Mann Mahlers Zutrauen erworben samt einer Empfehlung, die seine Karriere eröffnete. Waren nicht andere Dirigenten auf dem Pult verstorben? Hatte nicht Klemperers eigener Sturz vom Podium in Leipzig zu Beginn der dreißiger Jahre eine ganze Serie physischer Kalamitäten eingeleitet: Tumor, Lähmung, Verbrennung?

Aber das Ende wurde nur aufgeführt und dadurch – wieder einmal – überwunden. Der Dirigent erwachte aus seiner Abwesenheit, so als habe er nur auf das Adagio gewartet. Gleich mit dem einleitenden Intervallsprung der Streicher war alles wieder da: der aufmunternde Nachdruck des Kopfhebens, das Funkeln der Augen hinter der Brille, das Auffächern der Faust, das ganze Repertoire der Mittel, die sich Klemperer zurechtgelegt hatte, seit ihm nicht mehr das Feuer seiner jungen Jahre zu Gebote stand. Aus dem Schrecklichen war wieder einmal das Schöne geworden. Das Publikum seiner (künstlerischen) Wahlheimat London liebte solche symbolischen Siege über die Vergänglichkeit. Man ging zu jedem Konzert, denn jedes konnte das letzte sein. Dennoch hatte Klemperer in zehn Jahren weniger Abende abgesagt als Michelangeli in einem.

Wie viele Klemperers hat es wohl gegeben in 88 Jahren? Nicht immer hat er vorwiegend Beethoven und Bruckner zelebriert. Im Musikleben der zwanziger Jahre muß er für das damalige Abonnements-Publikum ungefähr das gewesen sein, was Kagel für das heutige ist, immer aufgelegt zu neuen Schocks. Man kennt das berühmte Photo von 1929 (mit Bruno Walter, Arturo Toscanini, Erich Kleiber und Wilhelm Furtwängler) – ein Quintett, das man nicht ohne heftigen Neid auf jene Zeit betrachtet, die vier Jahre später bewies, wie wenig sie solchen Reichtum verdiente. Im Kreis dieser Pultherrscher war er der experimentierfreudigste. Er machte alles (und mochte alles); schließlich hatte er seine Laufbahn als Dirigent mit etwa 50 Aufführungen von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ begonnen. Hindemith, Strawinsky, Weill, Krenek, Schönberg, aber auch der „Fliegende Holländer“ in modernen Kostümen waren nicht nach jedermanns Geschmack.

Man assoziiert den Klemperer jener Jahre mit der Berliner Kroll-Oper. Aber sein Proteus-Leben ist voller Überraschungen. Will man glauben, daß er einmal im Bolschoi-Theater „Carmen“ dirigierte? Daß er in der (vorstalinschen) Sowjetunion Mahlers „Lied von der Erde“ auf russisch gab und sogar die dem Kommunismus wohl fernste aller Opern, „Parsifal“ aufführte, wenn auch nur in Teilen? Daß das Pittsburg Symphony Orchestra Ulm seine Gründung verdankt und daß er eine Weile in Australien dirigierte? Daß er noch in der halben Immobilität des späten Alters oft zu Konzerten ging, die Boulez oder Stockhausen leiteten? Daß er nicht weniger als sechs Sinfonien hinterläßt (eine davon erschien kürzlich auf der Platte) sowie eine Reihe nie gespielter Opern, eine Messe und selten gehörte Quartette und Lieder?