Von Georg Hermann

Kommt man im Sommer nach Los Angeles und hält Ausschau nach guter Musik, glaubt man in eine verschlafene kleine Provinzgemeinde geraten zu sein: Die Sieben-Millionen-Megapolis mit einer so dichten Konzentration von hochbegabten Musikern, wie es sie in keiner anderen Stadt der Welt gibt, scheint ein Tummelplatz von Amateuren und Musikschülern zu sein und von gelangweilten Künstlern, die in Kirchen, Turnhallen und Museen, in Schulsälen und College-Auditorien vor einem spärlichen Publikum ein sehr gemischtes Programm von sehr gemischter Qualität darbieten, Eintritt meistens frei. Im Pavillon, dem prachtvollen Konzerthaus des Music-Centers, läuft das Musical „Oliver!“ (frei nach Dickens), und im wunderschönen Kammermusiksaal seines Schwesterhauses, im Mark Taper Forum, wird eine englische Komödie vorgeführt.

Der Schein trügt freilich. Die Hauptsaison, die hier von November bis April reicht, ist vergessen; sie hatte das gleiche wie die Saisons aller großen Kulturstädte der Welt geboten. Soeben, am 10. Juli, hat die musikalische Sommersaison begonnen, eine zweite Hauptsaison eigentlich, mit einem Galakonzert im Freiluft-Amphitheater der Hollywood Bowl. Aber kurz zuvor, im Niemandsland zwischen den Saisons, hat man das eigentliche Musikereignis erleben können: das kleine, jedoch unverwechselbare Festival von Ojai (sprich: Ochai), einer kleinen Stadt 160 Kilometer nördlich von Los Angeles.

Es war wohl ein Zufall, daß 1947 ein paar Musikenthusiasten, meist junge Leute, sich diesen kleinen Ferienort aussuchten, als einen Platz, wo nicht die gewohnte Mischung von konventioneller Klassik und populärer Musik gespielt wird – sagen wir Beethoven und Tschaikowskij, Rachmaninoff und Rogers & Hammerstein, sondern die neue Musik des 20. Jahrhunderts. Ojai hat etwa viereinhalbtausend Einwohner, darunter etwa fünfzig pensionierte Millionäre. Der Gemeinderat hatte sich wohl gedacht, daß, wenn er den Musik-Besessenen aus Los Angeles den Park umsonst zur Verfügung stellte, neben dem bekannten Tennisturnier, dem Golfplatz und der Reitschule eine zusätzliche Anziehungskraft zum Anlocken von Touristen und vielleicht sogar noch mehr pensionierten Millionären entstehen werde.

Die Besessenen von Los Angeles hatten tatsächlich auch mächtige Verbündete gefunden, Igor Strawinskij damals, den Cellisten Gregor Piatigorsky, den Dirigenten, Musikpädagogen und Komponisten Ingolf Dahl. Sie standen mit Rat und Tat neben den Jungen, um im kleinen Park ihren Traum zu verwirklichen. Ein Orchesterpodium wurde errichtet, man stellte tausend Sitzplätze hin, installierte eine provisorische Beleuchtung und sorgte dafür, daß auch noch fünfhundert Leute ringsherum im Gras liegend das Programm verfolgen können.

Es war kein Problem, erstklassige Musiker zu finden, die, an zeitgenössischer Musik ausgehungert, glücklich waren, in der abgelegenen Stille, am Fuße des Sierra-Madre-Gebirges, vor einer kleinen Schar von enthusiastischen Leuten spielen zu dürfen. Jahr für Jahr versammelten sie sich hier im lieblichen Ojai, Strawinskij war gekommen (und mit ihm freilich Robert Craft) und Piatigorsky und später auch Pierre Boulez, und die vier- bis fünftausend Leute, die wild waren auf moderne Musik. Die Festspiele in Ojai wurden zum ersten und einzigen Freiluft-Festival der zeitgenössischen Musik an der Pazifischen Küste der Vereinigten Staaten.