Washington, im Juli

Gleichsam, als habe er eine sichere Vorahnung, wenn nicht gar einen diskreten Hinweis gehabt, daß auf alte Freunde in der Stunde der Bedrängnis Verlaß ist, kehrte Richard Nixon am Montag dieser Woche aus der Isolierung in San Clemente nach Washington zurück. John Mitchell, sein langjähriger Anwaltspartner, Ratgeber und Wahlkampfmanager, blieb einer der wenigen, so stellte sich am Dienstag heraus, die Nixon immer noch die Stange halten. Er habe „allen Grund zu glauben“ und „ein sehr sicheres Gefühl“, so erklärte der frühere Justizminister, der selbst mit beiden Füßen im Watergate-Schlamm steckt, daß Nixon bis zum 22. März dieses Jahres von der Konspiration seiner Mitarbeiter bei der Vertuschung der Watergate-Affäre und anderer vorangegangener illegaler Schnüffelaktivitäten nichts gewußt habe.

„Ich kenne den Mann“, rühmte sich Mitchell seiner engen, inzwischen freilich reichlich zusammengeschmolzenen Freundschaft mit Nixon. Wenn jemand, dann hätte er, Mitchell, in den vielen Unterredungen mit dem Präsidenten zwischen Juni 1972 und März 1973 merken müssen, ob Nixon von der Verschleierung der Spionageaktivitäten, die seine Mitarbeiter betrieben, etwas wußte. Doch dafür gebe es keinerlei Andeutung.

Auf die immer wieder gestellte Frage, warum er dem Präsidenten keinen reinen Wein eingeschenkt habe, wußte Mitchell nur zu sagen, er habe „keine Notwendigkeit gesehen, einem Präsidenten eine Wunde zuzufügen, der mit alldem nichts zu tun hatte“. Um der Präsidentschaft Richard Nixons willen habe man nach dem 17. Juni entschieden, „daß es das beste war, alles zuzudecken“, und zwar deshalb, damit – so Mitchell – die „Horrorgeschichten des Weißen Hauses“ nicht ans Licht kamen.

Nach der schweren Anklage, die als vorletzter Zeuge John Dean gegen den Präsidenten vorgetragen hatte, war Mitchells entlastende Aussage wie Balsam auf die Wunden Richard Nixons. Denn außer mit der Watergate-Affäre haben die Zeitungen damit begonnen, sich auch mit dem Privatbesitz Nixons zu beschäftigen. Noch am 26. Mai hatte ein Sprecher des Weißen Hauses Journalisten mit der beschwichtigenden Erklärung abgespeist, auf Verlangen des Secret Service seien in San Clemente mit Steuermitteln in Höhe von 39 525 Dollar Vorkehrungen zum besseren Schutz des Präsidenten getroffen worden. In Wirklichkeit waren 1,3 Millionen Dollar in Nixons Privatgrundstücke in San Clemente und Key Biscayne gesteckt worden, und zwar auch für Einrichtungen wie eine Schwimmbadheizung und neue Möbel, die beim besten Willen nicht in Zusammenhang mit der Sicherheit des Präsidenten zu bringen sind.

Nixon steht nun im Geruch, nicht nur den Staat politisch korrumpiert, sondern sich an ihm auch noch persönlich bereichert zu haben; ein Verdacht, der für ihn selbst bei jenem immer noch recht umfangreichen Teil der „schweigenden Mehrheit“ zum Stolperdraht werden könnte, der nach wie vor glaubt, der Watergate-Skandal sei „eben Politik“ und nicht mehr. Derzeit sind immer noch 45 Prozent der Amerikaner dieser Meinung, wenn man der jüngsten Meinungsumfrage George Gallups Glauben schenkt.

Überdies ließ neue Unbill nicht lange auf sich warten. Als Nixon am Montag nach Washington, zurückkehrte, hatte die New York Times die Hiobsbotschaft parat, das Justizministerium habe im Jahre 1971, damals noch von John Mitchell geleitet, eine auf Sachbearbeiterebene bereits gebilligte Kartellklage gegen die Firma von Nixons Millionär-Freund Robert Ablanalp plötzlich niedergeschlagen. Jener Ablanalp, so war erst im Mai herausgekommen, hatte dem Präsidenten auf kräftige und bisher immer noch dubiose Art beim Erwerb des Grundstückes in San Clemente unter die Arme gegriffen. Eine von Ablanalp eigens für diesen Zweck gegründete Investmentgesellschaft kaufte im Dezember 1970 für 1,25 Millionen Dollar Nixon vier Fünftel seines kalifornischen Besitzes wieder ab, den der Präsident ein Jahr zuvor mit Hilfe seines Freundes und nur 33 500 Dollar Eigenkapital für 1,4 Millionen erworben hatte. Nach wie vor verfügt Nixon über den Gesamtbesitz.