Von Ben Witter

Um es ein für allemal klarzustellen“, sagte Oswalt Kolle gleich, „ich bin niemals Melker gewesen, sondern ich habe meine Prüfung als Landwirtschaftsgehilfe abgelegt und nur gern gemolken, und ich bin auf meine dreijährige Lehre nach dem Kriege stolz, das war eine wunderbare Erfahrung ... Aber ich schrieb ja schon als ganz junger Mensch, das faszinierte mich, und ich stellte mir während meiner Lehrzeit immer vor, später auf einem Bauernhof zu dichten; Ernst Wiecherts Roman ‚Das einfache Leben‘ hatte mich beeinflußt...“

„Sie kauften später dann ein Schloß in Breukelen mit 60 000 Quadratmetern Wald und Park“, sagte ich.

„Ich weiß gar nicht, wie viele Zimmer da waren, ich habe das Schloß inzwischen an einen ölmillionär verkauft, wir fanden kein Personal mehr für das Schloß und zogen in diesen Bungalow hier in Hilversum...“

Neben seinem Bungalow stehen noch andere Bungalows, sie sind flach und weiß angestrichen. Oswalt Kolle starrte auf einen Wald, aus dem Soldaten nach einem Unwetter alles, was zusammengeknickt war, herausgeholt hatten. Ungefähr fünfzig Meter hinter Oswalt Kolles Stuhl lag auch ein Wald, da waren die Soldaten aber nicht gewesen, und die längsten Bäume lehnten noch mit ihren Kronen an heilen Stämmen, die anderen waren auf das Unterholz gestürzt; es knackte da öfter.

„,Oswalt‘“, sagte ich, „warum ‚Oswalt‘ mit ‚t‘ am Ende und nicht mit ‚d‘?“

„Ich wurde ‚Oswalt‘ mit ‚t‘ nach einem jüdischen Onkel genannt, der mit Nachnamen Oswalt heißt, er war Bankdirektor in Frankfurt, ein anderer Onkel war Maler und nannte sich ‚Hellmuth vom Hügel‘, mein Großvater Wilhelm war Mediziner; Geheimrat Wilhelm Kolle war der Entdecker des Serums gegen die Rinderpest und Assistent von Robert Koch, und mein Vater, Kurt Kolle, war Ordinarius für Psychiatrie in München, und im ganzen gesehen ist das, was ich gemacht habe, die Fortsetzung der Arbeit meines Vaters mit anderen Mitteln ... Ich durchbrach die akademischen Sprachbarrieren und ging mit dem einfachen Wort zur Sache ans Volk. Mein Vater arbeitet bei vielen meiner Projekte mit; an meinem Buch: ‚Der Mann – das unbekannte Wesen‘, da hat er echt mitgearbeitet... Als ich Landwirtschaftsgehilfe geworden war und das Abitur nachmachte, kam es aber zwischen mir und meinem Vater zum größten Konflikt: Ich sollte studieren, um auch Psychiater zu werden. Aber ich dachte gar nicht daran, auf die Uni zu gehen, wo nur die Professoren saßen, die in der Nazizeit da schon immer dieselben Sprüche losgelassen hatten.