Paris, im Juli

Staatspräsident Pompidou möchte nach seinen eigenen Worten die Vereinigte Linke spalten. Aber bis jetzt ist es ihm nur gelungen, das Häuflein der zerbröckelnden Mitte vollends auseinanderzubringen: Das Lager der „Reformatoren“, die sich in der Endphase des Wahlkampfes mit ihm „gegen die Gefahr von links“ verbunden hatten. Ihre beiden Führer, Jean Lecanuet und Jean-Jacques Servan-Schreiber, sind wieder geschiedene Leute.

Pompidou bot Lecanuet nach der Wahl das Sozialministerium an. Der Vorsitzende des „Demokratischen Zentrums“ aber lehnte ab, weil er das Regierungsprogramm nicht reformfreudig genug fand. Für Servan-Schreiber, den Führer der im Wahlkampf gespaltenen Radikalsozialistischen Partei, stellte sich die Frage eines Anschlusses an die Regierungsmehrheit erst gar nicht. Vielmehr mußte er, um bei der Gefolgschaft seiner Partei die Spaltung aufzuhalten, eindeutig Distanz zum Regierungskurs halten. Er tat das mit dem ihm eigenen Hang zu spektakulären Gesten; die letzte war eine Reise in die Südsee, wo er mit einer Gruppe Gleichgesinnter gegen die französischen Atomversuche zu Felde zog.

Die Fraktion der Reformatoren wurde nur noch durch einen verbalen Antipompidoulismus zusammengehalten, der sich auf einen „Verrat am Wahlversprechen“ berief. Davon war freilich nicht mehr viel zu spüren, als die Fraktion Ende Juni im Elysée war und dort Pompidous unveränderte Ansichten über Europa, die Atomstreitmacht und die Regionalisierung höflich anhörte. Man wurde sich fast einig, die Südsee-Demonstration des abwesenden Servan-Schreiber „etwas leichtfertig“ zu finden.

Dann übernahm Lecanuet sogar öffentlich ein Urteil Pompidous: Mit der gespaltenen Radikalsozialistischen Partei könne man doch nicht so eng zusammengehen, daß man dafür die Eigenständigkeit des „Demokratischen Zentrums“ preisgebe. Die Reformatoren wurden damit als eine bloße wahltaktische Interessengemeinschaft abgeschrieben. Zugleich wurde ein neues Signal gesetzt: „Die Demokratischen Sozialisten, vor allem die in der christlichen Tradition verwurzelten“, sollten sich eine Führung geben – womit Jean Lecanuet gemeint war.

Der Express, die Zeitschrift Servan-Schreibers, behauptete daraufhin, das sei das Ergebnis einer Rom-Reise Lecanuets, der sowohl vom Christdemokraten Rumor wie von Paul VI. gefragt worden sei, was man eigentlich aus der französischen democrazia cristiana gemacht habe – der alten MRP Robert Schumans, Georges Bidaults und Pierre Pflimlins. Sie war kurz nach dem Kriege einmal die größte Partei Frankreichs. Damals nannte sie sich „die Partei der Treue“ – zu Charles de Gaulle nämlich.

Ernst Weisenfeld