Von Erhard Haubold

Sydney, im Juli

All the way with L. B. J.“ wollte der australische Ministerpräsident Harolt Holt noch vor fünf Jahren mit Lyndon B. Johnson gehen. Heute beschimpfen australische Minister Richard Nixon wegen seiner Politik als „Massenmörder und Verrückten“. Beim Abschiedsessen für den ersten australischen Botschafter in China brachten gut befeuchtete Kehlen den Toast auf Mao Tse-tung sehr viel kräftiger aus als das „God Save the Queen“. Und dem Prinzen Philip, immerhin Gemahl der britischen und nach wie vor auch australischen Monarchin, bescheinigte eine führende australische Wochenzeitung gar das „Gehirn eines Polopferds“.

Begebenheiten wie diese demonstrieren besser als offizielle Dokumente den tiefgreifenden Wandel der australischen Außenpolitik seit Dezember letzten Jahres. Unter der Labour-Regierung Gough Whitlams, der ersten seit 23 Jahren, sind die Bindungen an das ehemalige Mutterland noch lockerer geworden und die Beziehungen zum amerikanischen Bündnispartner haben sich merklich abgekühlt. War der außenpolitische Blick Canberras in der Vergangenheit auf London und Washington fixiert, so soll es in Zukunft keine „dominierenden Bindungen“ (Whitlam) mehr geben. Der 57jährige Ministerpräsident, der gleichzeitig Außenminister ist, will seinem Land ein „unabhängiges, weniger militaristisches und rassistisches Profil“ geben und den Fünften Kontinent nach Asien öffnen.

Etwas über sechs Monate im Amt, hat Whitlam inzwischen China, Nordvietnam und die DDR anerkannt und mit Nordkorea „Arbeitskontakte“ aufgenommen. Die Militärhilfe an Saigon hat er eingestellt, dafür aber großzügige finanzielle Unterstützung beim Wiederaufbau ganz Indochinas versprochen. Seine ersten Staatsbesuche galten den Nachbarn Neuseeland, dem Mandatsgebiet Papua-Neuguinea, das 1974 unabhängig werden soll, und Indonesien: Australien empfiehlt sich als Mitglied der asiatisch-pazifischen Völkerfamilie.

Daß er die Krusten einer überholten Außenpolitik aufbrechen will, hatte Whitlam bereits im Wahlkampf angekündigt. Dennoch sind viele Australier von seinen „Schocktherapien“ überrascht; die Opposition wirft ihm vor, Freunde und Alliierte im Stich zu lassen und den Fünften Kontinent „wehrlos“ zu machen. Das Umdenken fällt eben schwer: Fast zwei Jahrhunderte lang sah sich die ehemalige Sträflingskolonie als „europäischer Vorposten“, umgeben von feindlichen „gelben Horden“, denen die rassistische White Australia Policy den Zutritt verwehrte. Nach dem britischen Rückzug aus den „ostwärts von Suez gelegenen Gebieten“ wurde Australien zu einem der treuesten Verbündeten der Vereinigten Staaten und, zusammen mit Neuseeland, Partner im Anzus-Pakt. Unbedingte Loyalität und die Entsendung australischer Diggers nach Südkorea und Südvietnam sollten den amerikanischen Schutz für alle Zeiten sichern und den japanischen Spott aus dem Zweiten Weltkrieg über das „Waisenkind im Pazifik“ vergessen machen. Die „Vorwärtsverteidigung“, mit Stützpunkten in Singapur und Malaysia, diente dazu, die Kommunisten von den australischen Ufern fernzuhalten.

Diesem außenpolitischen Denkgebäude mehrerer Generationen entzieht Whitlam jetzt das Fundament. Aber genaugenommen „ratifiziert“ er damit „nur die Realitäten“. Denn spätestens seit Nixons Guam-Doktrin ist Canberra geradezu gezwungen, in der Außenpolitik und in der Landesverteidigung selbständiger zu werden und mit den asiatischen Nachbarn gute Beziehungen zu unterhalten. Nicht mehr die Eindämmung Chinas, sondern das Gespräch mit Peking ist die Devise. Regionale Kooperation heißt die Antwort auf das neue multipolare Kräftegleichgewicht in Asien. Dazu kommt das Diktat der Handelsbilanz. Nicht mehr Großbritannien, sondern Japan ist heute Australiens wichtigster Kunde. In den letzten 25 Jahren sanken die Exporte nach Europa von 51 auf 24 Prozent, die Ausfuhren nach Asien dagegen stiegen von 27 auf 44 Prozent.