Kassel

Plötzlich war er da – der Wassernotstand. Als die Streifenwagen der Polizei am Mittwochmittag vergangener Woche durch alle Stadtteile Kassels fuhren und Beamte über Lautsprecher die Anordnungen des Oberbürgermeisters verkündeten, nahm es noch keiner so recht ernst. Doch als am späten Abend erneut Polizisten auftauchten, um Einwohnern, die im Schutz der Dunkelheit ihren Rasen sprengten, mit Bußgeldern zu drohen. – da wußte man es: In Kassel ist das Wasser knapp.

Erstmals wieder seit 1959 mußte in Kassel der Notstand der Trinkwasserversorgung erklärt werden. Der Verbrauch an Wasser war, bedingt durch das heiße und schwüle Wetter, in die Höhe geschnellt wie nie zuvor. Da gleichzeitig der Grundwasserspiegel stark zurückgegangen war, ging auch die Fördermenge in den Behältern der Wasserwerke rapide zurück. Im Rathaus entschloß man sich, den Wassernotstand zu verkünden. Bei Strafe ist es danach verboten, Wasser aus öffentlichen Leitungen, gleichgültig zu welchem Zweck, zu verschwenden oder aufzuspeichern. Damit sollte verhindert werden, daß die Stadt gänzlich auf dem Trockenen sitzen muß. Für die Besatzungen von gut einem Dutzend Wasserwagen wurde höchste Alarmstufe gegeben.

Wassernotstand – wohl die wenigsten in Kassel ahnten die Konsequenzen, die er nach sich ziehen würde, oder verstanden überhaupt nur, wie er in einer 200 000-Einwohner-Stadt mit modernem Versorgungssystem eintreten konnte. Plötzlich durften Kleingärtner ihre Gemüsebeete nicht mehr gießen, sollten Eigenheimbesitzer das Sprengen ihrer Rasenflächen unterlassen, wurde angeordnet, daß Autowaschstraßen still zu stehen haben. Schwimmbassins und Kinderplanschbecken durften nicht mehr aufgefüllt werden, in den Freibädern mußten Tausende darauf verzichten, sich vor dem Sprung ins Wasser zu duschen. Tennis-Fans wurden zum Pausieren gezwungen – ihre Plätze blieben ungesprengt. Schließlich ängstigte sich die Feuerwehr selbst vor Kleinstbränden, die ein Anzapfen der Hydranten notwendig gemacht hätten. Doch auch die Wehrleute bewiesen Einfallsreichtum, sie ließen nicht mehr, genutzte Löschteiche mit Flußwasser vollaufen und horteten Wasser in zahlreichen Tankfahrzeugen.

Die erste Notstandsnacht freilich versetzte die Verantwortlichen der Stadt in Schrecken. Statt des erwarteten Rückganges an Wasserverbrauch stieg dieser erheblich an. Heimlich hatten Villenbesitzer nachts ihren Rasen bewässert, sprengten Schrebergärtner ihre Blumen- und Gemüsebeete. Die Androhung von Strafen (200 bis 500 Mark Bußgeld) hatte offensichtlich keinen Erfolg. Werner Keller

Redakteur der „Hessischen Allgemeinen“