Von Dietrich Strothmann

Der Mann, der aus der Wüste kam, las der Damenwelt die Leviten. Auf eine Schultafel schrieb er unter dem Gattungsbegriff „Frauen“ die Eigenschaften „Jungfräulichkeit, Periode, Schwangerschaft“. Mit erhobenem Zeigefinger wies er auf die beiden letzten Begriffe, nannte sie „Mängel“ und fragte die vor ihm sitzenden 800 Frauen: „Wie können Sie, behaftet mit solchen körperlichen Defekten, die Gleichstellung mit uns, den Männern, anstreben?“ Die emanzipationswilligen Zuhörerinnen riefen dem Redner zornig zu: „Das sind keine Fehler.“ Seine prompte Antwort: „Wenn das so ist, dann sollte sich niemand darüber beklagen, wenn wir verlangen, daß Frauen auch als Fallschirmspringerinnen eingesetzt werden.“ Darauf erwiderte Laila Tackha, eine bekannte Universitätsprofessorin, ebenso kaltschnäuzig: „Frauen sind nur in schwachen Gesellschaften schwach.“

Diese Szene, die zum Tribunal wurde, spielte dieser Tage in Kairo. Ihr Hauptakteur war der erst 31jährige Staatspräsident Libyens, Oberst Ghaddafi, nach eigener Einschätzung der Vollstrecker des Werkes von Nasser, nach Meinung seiner Freunde wie Feinde im arabischen Lager, ein Irrwisch, reich zwar an Ölmilliarden, arm indessen an Realitätssinn.

An den Nil war der hitzköpfige Libyer geeilt, zur Überraschung selbst von Staatschef Sadat, um letzte Hand an die für den 1. September geplante ägyptisch-libysche Union unter dem neuen Staatsnamen „Arabische Islamische Sozialistische Republik“ zu legen. Doch er verbrannte sich dabei die Finger. Nach wochenlangen intensiven Beratungen in Alexandrien und Kairo, trotz vieler stundenlanger Auftritte vor Parteifunktionären, Intellektuellen und Frauen, kam Ghaddafi nicht an sein Ziel: Die Union der ungleichen Brüder, wenngleich im September 1972 von den beiden Präsidenten in der „Einheitserklärung von Bengasi“ beschlossen, findet nicht statt. Im Höchstfall wird in zwei Monaten die erste Etappe einer Föderation erreicht: die Einführung einer gemeinsamen Fahne. Den Abschied von den hochfliegenden Plänen eines arabischen Bundesstaats an Stelle des nun von den Ägyptern anvisierten Staatenbundes, nahm der von seinem Liebeswerben tief enttäuschte Ghaddafi mit dem Hinweis auf das „verlorene Paradies“.

Gemessen an den Gegensätzen zwischen den beiden Nachbarn, konnte aus dem kühnen Projekt freilich auch nichts werden.

Außenpolitisch gibt es kaum Gemeinsamkeiten: Ägypten ist durch Vertrag und Waffenlieferungen an die Sowjetunion gebunden; Libyen steuert einen unversöhnlich antikommunistischen Kurs.

Militärpolitisch trennen sie Welten: Ägypten tritt für eine politische Lösung des arabisch-israelischen Konfliktes ein und würde sich mit der Rückgabe der Sinai-Halbinsel begnügen; Libyen will den Endsieg über Israel und fordert die Gründung eines palästinensischen Staates zwischen Jordan und Mittelmeer.