Trotz Fluglotsen-Bummelstreiks wollen die Reiseveranstalter keinen Urlauber sitzenlassen – aber: 1974 werden Flugreisen bestimmt teurer

Der Luftsprung in den Urlaub, er ist in diesem Jahr durch eine verantwortungslose Gruppe von Beamten zu einem Hindernislauf und Ärgernis ohne gleichen geworden. Für Tausende von Urlaubern aus dem nördlichen Teil der Bundesrepublik sah der Beginn ihrer Ferienflugreise so aus: Zwei Stunden vor dem geplanten Einchecken Eintreffen auf dem Flughafen. Abzählen und Vollständigkeitsprüfung der Reisegruppe. Verfrachten von Gepäck, Kind und Kegel in einen Omnibus. Fahrt zum nächsten Bahnhof. Aussteigen – Umsteigen. Mehrere Stunden Bahnfahrt zum nächsten offenen Flughafen. Aussteigen – Umsteigen. Omnibusfahrt. Warten. Endlich Abflug ins ersehnte Ferienparadies, mit zwei, drei, vier – in einem Falle sogar achtzehn Stunden Verspätung. Und bei der Rückkehr erwischte es viele noch einmal. Andere Urlauber mußten „nur“ stundenlang auf den stickigen Flughäfen herumsitzen.

Aber die Reiseveranstalter lassen nicht locker. „Wir sind nicht bereit aufzugeben“, verkündete der Pressesprecher des größten deutschen Reisekonzerns, der TUI, auf dem Höhepunkt des Streiks. Fluggesellschaften und Reiseveranstalter haben zusammen mit der Bundesbahn mit fast generalstabsmäßiger Präzision Ausweich-, Umleitungs- und Ersatzverbindungen aus dem Boden gestampft. Noch rollt die Reisewelle.

Selbst für den schlimmsten aller Fälle, den totalen Zusammenbruch des Flugverkehrs in der Bundesrepublik, liegen schon die Einsatzpläne in den Schubladen. Sie beziehen den Flughafen von Billund (Dänemark) ebenso ein wie Basel, Luxemburg, Amsterdam oder Ostberlin. Doch niemand hofft, daß es so weit kommt.

Einstweilen versuchen die Reiseveranstalter auf ihre Art, Bewegung in die festgefahrenen Fronten zu bringen. Seit dieser Woche erhält jeder Flugreisegast der TUI zusammen mit den Reisepapieren Name und Anschrift seines zuständigen Bundestagsabgeordneten mit der ausdrücklichen Aufforderung, ihn zu Taten aufzufordern. Alle Reisenden werden außerdem über die einschlägigen Rechtswege belehrt, auf denen sie gegen die Bundesregierung wegen der ihnen zugefügten Schäden klagen können;

Doch die-Aktivierung der Politiker ist im Augenblick noch die geringste Sorge der Veranstalter. Schlimm steht es vielmehr um die Finanzen. Flugtouristen, die ihre Reise schon lange gebucht haben, lassen sich zwar durch den Bummelstreik kaum abschrecken, aber die für sogenannte Kurzbucher im Juli und August nach den bisherigen Erfahrungen freigehaltenen Kapazitäten bleiben jetzt ungenutzt: Die Maschinen fliegen oft nicht einmal mit einer Auslastung von 85 Prozent an die Urlaubsziele. Jedes Prozent unter dieser Marke kostet einen großen Veranstalter wie die TUI auf das Jahr umgerechnet eine Million Mark. Dazu kommen die unvorhergesehenen Ausgaben für Busse, Sonderzüge, Verpflegung, Telephon- und Fernschreibgebühren, von Überstundengeldern und anderen Spesen ganz zu schweigen. Deutschlands größter Reisekonzern spricht deshalb schon von Verlusten in Höhe von über vier Millionen Mark als Folge des Bummelstreiks, das Reisegewerbe insgesamt von über zwanzig Millionen Mark.

Die Großen der Branche werden über diese Verluste nicht stolpern; ob auch kleinere Reiseveranstalter und Charterfluggesellschaften die Einbußen aus dem Fluglotsenstreik verkraften können, bleibt abzuwarten.

Schlimmer sind für Flugtouristen und Veranstalter die Aussichten auf die nächste Urlaubssaison. TUI-Vorstandssprecher Paul Lepach kündigte schon jetzt Preiserhöhungen für die 1974er-Ferienflüge an. Einmal müssen die Verluste dieses Sommers wieder eingeflogen werden, zum anderen. befürchten die Veranstalter, daß die Fluglotsen durch ihren Streik und dessen Auswirkungen das Image des Charterflugtourismus nachhaltig beeinflußt haben. Vielleicht ist die Bundesbahn der lachende Dritte. Ferdinand Ranft