Nun ist der Erfolg auch wissenschaftlich belegt: Sesamstraße, die umfänglichste TV-Kinder-Show aller Zeiten, schlägt alle Rekorde; sie ist bei fast allen Kindern und Eltern beliebt, wird von vielen gesehen und von den meisten positiv bewertet. Die „Arbeitsgruppe Sesamstraße“ vom Norddeutschen, Hessischen und vom Westdeutschen Rundfunk kann sich die Hände reiben, denn drei von vier befragten Eltern beurteilen die Serie gut oder sehr gut, und über sechzig Prozent meinen, ihre Kinder würden sich kein anderes Fernsehstück lieber anschauen als die Geschichten von Ernie und Bert.

Herausgefunden haben diese Erfolgszahlen Mitarbeiter des Hans-Bredow-Instituts für Rundfunk und Fernsehen an der Universität Hamburg, das mit wissenschaftlichen Methoden erforschen soll, „ob und in welchem Umfang das Medium Fernsehen für die vorschulische Erziehungspraxis einsetzbar ist“. So formuliert der Direktor des Bredow-Instituts Professor Janpeter Kob seinen Auftrag, für den das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft in Bonn 1,2 Millionen Mark bereitstellt. Es geht also darum, an dieser Serie zu ermitteln, wie sich Fernseh-Vorschulerziehung auf die familiäre und soziale Umwelt der Kinder auswirkt und wie Eltern, Erzieher und Lehrer darauf reagieren.

Das mag grundsätzlich und langfristig und für! Wissenschaftler sicherlich der interessanteste Aspekt ihrer Medienforschung sein; wer hingegen, täglich erlebt, wie Kinder die Sesam-Spots konsumieren, und wer sich in der kontroversen und emotional geführten Diskussion über die Serie nicht mehr zurechtfindet, der wäre dankbar für eine schlichte Antwort auf die einfachen Fragen: Ist die Sesamstraße nun gut oder schlecht? Nutzt oder schadet sie Kindern? Werden die angegebenen Lernziele erreicht oder nicht?

Darauf geben Janpeter Kob und seine Mitarbeiter keine eindeutige Antwort; sie können und wollen es auch, nicht. Was sie erfragt und mit dem Computer errechnet haben, deutet jedoch eine Tendenz an, die den weitverbreiteten hochgespannten Erwartungen keinesfalls entspricht:

  • Sesamstraße scheint vor allem von Familien der mittleren und oberen Sozialschichten in Mittel- und Großstädten bewußt als eine Möglichkeit zur Vorbereitung ihrer Kinder auf den schulischen Anfangsunterricht verwertet zu werden – was dem erklärten Lernziel, „durch Anregungen vielfältiger Art milieubedingte Benachteiligungen im Lernprozeß zu mindern“, sehr widerspricht.
  • Sesamstraße „stellt sich als eine vorherrschend durch männliche Akteure bestimmte Sendung dar“ – so fanden die Bredow-Forscher heraus –, „sie überwiegen nicht nur zahlenmäßig, sondern dominieren im Handlungsgeschehen und agieren wesentlich häufiger als weibliche Akteure“. Daß die gesellschaftliche Rollenfunktion von Männern und Frauen weitgehend Eingang in die Serie gefunden hat, steht ebenfalls im Gegensatz zu dem beabsichtigten Lernziel „Abbau von gesellschaftsspezifischen Rollenfixierungen“.
  • Sesamstraße wirkt en famille günstiger auf Kinder als in Vorschulgruppen oder im Kindergarten. Diese Tatsache hatte das Bredow-Institut bereits nach den ersten Versuchssendungen herausgefunden; jetzt bestätigt sie sie. Dazu das Bonner Bildungsministerium: „Die familiäre Empfangssituation begünstigt kindliches Fragen. Sie macht Kinder freier, während die Sendung läuft, die eigenen Erfahrungen und Kenntnisse mitzuteilen. Die Wahrnehmung im Kindergarten leidet dagegen stärker unter dem Zwang der Situation, ist eher vom Bildschirm ‚manipuliert‘.“ Dieses Urteil deutet immerhin darauf hin, daß jene Sesam-Propagandisten nicht ganz richtig liegen, die die Serie unbedingt in der Vorschul- und Kindergartenarbeit verwendet sehen wollen.

Nun sind alle bisherigen Ergebnisse des Bredow-Instituts ganz und gar vorläufig; sie bieten, wie Professor Kob sagt, nur „einen verhältnismäßig groben Überblick“. Deshalb ist gegenwärtig ein endgültiges Urteil über die vielgelobte und vielgeschmähte Serie ebensowenig angebracht wie möglicherweise notwendige Kritik an den Methoden des Hamburger Instituts. So viel indes darf schon jetzt und gerade wegen des großen Erfolgs der Sesamstraße gesagt werden: Was bisher erforscht wurde, unterstreicht deutlich den Satz aus dem ersten Lernzielkatalog der Arbeitsgruppe: „Vor allzu optimistischen Erwartungen ist zu warnen.“ Hayo Matthiesen