Mit Optimismus erwartet Außenminister Scheel die zweite Phase der europäischen Sicherheitskonferenz (KSZE) in Genf. Sonderbotschafter Brunner präzisierte diese Zuversicht am Ende der ersten Verhandlungsphase in Helsinki: „Auf der Konferenz ist die Bedeutung der menschlichen Kontakte als eines gleichberechtigten Faktors im Entspannungsprozeß deutlicher erkennbar geworden. Wir sind deshalb zufrieden.“

Fünf Tage lang hatten die Außenminister von 33 europäischen und der beiden nordamerikanischen Staaten die Kompromisse der siebenmonatigen Vorgespräche gebildet und in Grundsatzerklärungen die Marschroute für die schwierige Arbeitsphase der Fachreferenten in Genf abgesteckt. Sie beginnt am 18. September. Die Arbeitsaufträge („Mandate“) für die Kommission umfassen drei große Sachbereiche:

  • Europäische Sicherheit
  • wirtschaftliche Kooperation
  • Kultur- und Informationsaustausch; menschliche Begegnungen.

Es war von vornherein klar, daß Ost und West in den Grundsatzreden ein Kontrastprogramm liefern und die Akzente unterschiedlich setzen würden. Der Warschauer Pakt stellte die Sicherheit und den Status quo in Europa in den Vordergrund, die Nato-Staaten (von den Neutralen unterstützt) legten das Hauptgewicht auf den freien Austausch von Meinungen und Informationen, und die menschlichen Begegnungen. Diese Unterschiede käme am prägnantesten zum Ausdruck in je einem Satz des DDR-Außenministers Winzer und seines Bonner Kollegen Scheel:

  • Winzer: „Die DDR würde es begrüßen, wenn die völkerrechtlich bindende Anerkennung der territorialen Realitäten ... durch die Sicherheitskonferenz ihre multilaterale Bestätigung finden würde.“
  • Scheel: „Die Menschen wollen endlich die Früchte der Entspannung im täglichen Leben spüren, sie mit Händen greifen.“

Dennoch hat auch der Ostblock die Regelung von Punkt drei als Konferenzziel anerkannt. Die Zuversicht, der Kreml könne sich hierin in Genf flexibel zeigen, gründet sich auf das sowjetische Drängen, zu Ergebnissen zu kommen und die Genfer Verhandlungserträge noch in diesem Jahr auf einem zweiten Treffen in Helsinki zu verabschieden. Der britische Außenminister Douglas Home erklärte, das Mißtrauen in Europa werde durch „fromme Sprüche“ nicht überwunden werden; jetzt müßten Taten folgen.

Der Geist des guten Willens und das gute Klima, die die Konferenz prägten, setzten sich auch hinter den Kulissen fort. Das besondere Interesse der Konferenzteilnehmer und Beobachter in der finnischen Hauptstadt galt den zweiseitigen Kontakten von Scheel und Winzer. In wechselseitigen Einladungen begegneten sie sich einmal in der luxuriösen DDR-Botschaft, einmal in einem vom Bonner Auswärtigen Amt gemieteten Schloß weit außerhalb Helsinkis.