Bremen

Der Tip war heiß. Im ersten Augenblick hielten ihn die Kriminalhauptmeister Heinz L. und Gerd S., zwei von 350 Bremer Kriminalbeamten, verheiratet, Familienväter, 47 und 38 Jahre alt, für einen Witz. Aber der oder die Tipgeber sagten die Wahrheit: Die Privattelephone von L. und S. werden seit Monaten amtlich angezapft und abgehört.

Den Grund für die ständige Anwesenheit Dritter in der Leitung kannten fünf Tage, nachdem die Abhöraffäre der Öffentlichkeit bekannt wurde, weder die Betroffenen noch ihr Rechtsbeistand noch die für ihre Mitglieder tätig gewordene Gewerkschaft der Polizei (GdP). Journalisten fanden heraus, daß L. und S. vor Razzien in Bremens Unterwelt bestimmte Ganoven gewarnt haben sollen. Der Skandal zieht täglich neue Kreise. Die Spitzen von Justiz und Polizei schweigen und berufen sich auf eine geheime Verschlußsache.

Dabei ist – durch Leichtsinn, Dilettantismus oder Böswilligkeit? – so gut wie nichts mehr geheim an der Verschlußsache. An einem heißen Tag im Juni marschierten die zornigen Kriminalbeamten L. und S. zu ihrer Gewerkschaft und baten um Rechtsschutz. Rechtsanwalt Dr. Konrad Hammann, 34 Jahre alt, wurde von GdP-Geschäftsführer Allert angeheuert. Hammann recherchierte und hielt schließlich, als er den Beweis dafür hatte, daß abgehört wurde, ordnungsgemäß bei den Stellen, die es wissen mußten – dem Innensenator und dem Generalstaatsanwalt – Nachfrage, ob ein Abhörbeschluß vorliege. Er erfuhr: Nein, es gäbe nichts.

Nun konnten die Betroffenen, ihr Anwalt und die Polizeigewerkschaft sicher sein, es wurde ohne richterlichen Beschluß und damit rechtswidrig abgehört. Die GdP rief die Presse zusammen und packte aus: Kripo überwacht Kripo und das noch dazu illegal. Rechtsanwalt Hammann sorgte für einen Knüller. Er hatte den Beweis, daß abgehört wurde, im Ohr: Auf der angezapften Leitung hatte er ein amtlich abgehörtes Gespräch mitgehört. Der Innensenator und der Generalstaatsanwalt wußten dies bereits. „Ich bin der Zeuge“, hatte er den Herren bei einem Besuch versichert. Die Gewerkschaftsinformation vom Fehlen eines richterlichen Beschlusses hielt nicht lange vor. Nach der Pressekonferenz sorgte die Justizpressestelle für den nächsten Knüller.

Amtlich hieß es auf Journalistenfragen: Die Telephonleitungen von L. und S. werden auf Grund eines richterlichen Beschlusses abgehört.

Nun setzte Anwalt Hammann erneut zum Sprung an: Er wünschte als Rechtsbeistand der Betroffenen Einsichtnahme in den Beschluß. Die Justiz würdigte ihren Kollegen nicht einmal einer Antwort. Er legte Beschwerde gegen einen Beschluß ein, von dessen Existenz er nur aus der Presse wußte. Noch mehr erfuhr Hämmann bald darauf lediglich aus Zeitungen: Gegen ihn ist ein Verfahren wegen Anstiftung zum Bruch des Dienstgeheimnisses eröffnet. Beobachter der verworrenen Affäre vermuten, es solle zur Ablenkung von der Abhörangelegenheit ein Fall Hammann aufgebauscht werden.