Neulich, in Marbach, sprach der Bundespräsident eine Mahnung aus, wie man sie bisher nur von deutschtümelnden Sprachpflegevereinen gewohnt war: „Die seit Kriegsende bei uns in alle Bereiche des Lebens eingedrungene Flut von Amerikanismen muß endlich wieder zurückgedrängt werden.“ Und in einer ZDF-Diskussion über die Amerikanisierung der deutschen Sprache, die vorige Woche gesendet wurde, sekundierte ihm der Professor und Schriftsteller Walter Höllerer, dem niemand einen Mangel an internationaler Gesinnung unterstellen wird. Ging es Heinemann vor allem um die Reinheit und Allgemeinverständlichkeit des Deutschen, so stieß sich Höllerer an dem Geist, der mit den Amerikanismen nach Deutschland dringe, an jenem forschen Was-kostet-die-Welt-Bewußtsein, von dem doch Amerika selbst gerade Abstand zu gewinnen suche.

In der Tat, der Import von Wörtern ist mehr als der Import von Bezeichnungen. Mit den fremden Wörtern importiert man erstens den Geist, der die Morphologie der fremden Sprache bestimmt – beim Amerikanischen etwa eine hemdsärmelige forsche Knappheit, zu der das Deutsche nicht fähig ist: drop-out, make-up, drive-in, go-slow, das ist neben dem, was es bedeutet, eine atemverschlagende Direktheit.

Zweitens importiert man sich mit dem Fremdwort die Benennung der fremden Sache, und daß ein intensiver Warenaustausch von einem schwunghaften Wörterhandel begleitet wird, ist natürlich und unvermeidlich. Mit den jeans kam das Wort wie mit der Tomate (aus mexikanisch tomatl). Zudem pocht das Fremdwort auf Unterschiede. Wohl ist der cowboy ein Kuhhirt; aber ein gesunder Sinn für Realitäten hat die deutsche Sprache gehindert, ihn sich so zurechtzuübersetzen.

Schließlich importiert man mit dem Fremdwort die Geltung des Kulturkreises, dem es entstammt. Der sound einer band ist zwar der Klang einer Kapelle; doch der Amerikanismus verhindert von vornherein die Vorstellung eines gemütlichen Kurkonzerts.

Das alles sollte einen vorsichtig machen bei der Warnung vor sprachlicher Überfremdung. Daß die internationale lingua franca, die das Englische heute ist, auf die übrigen Nationalsprachen nachhaltig abfärbt, ist ganz und gar unvermeidlich, und kein erhobener Zeigefinger kann eine solche Sprachentwicklung beeinflussen. Aber Ermahnungen verpuffen eben auch, weil die meisten Lehnwörter nicht das gleiche bedeuten wie alte oder neuerfundene deutsche Entsprechungen – und weil sich keine Sprache die Bereicherung durch solche Differenzierungen entgehen läßt.

Das Problem des Sprachimports liegt anderswo. In jener Fernsehdiskussion spielte Uwe Johnson darauf an, als er seinem Ja zu den Amerikanismen hinzufügte: Aber sie sollten verstanden werden. Das Fremdwort hat sozusagen keine Vergangenheit: Kein Gefühl für seine Etymologie gibt ihm Resonanz. Und es hat in dem Maß keine Zukunft, in dem es sich nicht in die neue Sprachumgebung einpflanzen läßt. Die Verdauung von englischen Dingwörtern fällt dem Deutschen ziemlich leicht, wenn ihnen erst einmal ein Genus zuerkannt ist (mit irrationaler Sicherheit macht das Deutsche girl sächlich, desk männlich); die cakes hat es sich in ein paar Jahrzehnten total einverleibt, niemand erkennt sie noch in den Keksen. Aber die rudimentären deutschen Flexionen machen es manchen englischen Verben schwer und führen zu gräßlichen Bastardbildungen. Checken, Infinitiv, das geht noch – aber gecheckt? oder checked? oder gechecked? Oder gar, wenn Ausspracheverschiebungen dazukommen: gemanagt oder gemanaged oder gelayouted?

Und hier hat der Sprachimport auch seine natürliche Grenze. Dieter E. Zimmer