Wenn der Jugendtraum von einer Weltreise wahr wird

Von Jörg Hänel

Luxemburg Airport, 29. Juni, Jeansanzug ein bißchen zu frisch gewaschen, Seesack noch makellos prall, Weltkarte, die aus der Tasche lugt, noch ohne Fettflecke und Risse ...

Wie ich mich fühle – 24 Stunden vor Mexico City, zwei Monate vor den Amazonas-Quellen, vier Monate vorm Titicacasee, sechs vorm Südsee-Pier von Valparaiso, 15 000 Meilen vor Tonga und Fidschi, neun Monate vor Hongkong, zehn vor Kalkutta und zwölf vor dem nächsten Eisbein – wie ich mich fühle? Zwischen Tür und Angel. Noch nicht drin im Abenteuer, noch nicht raus aus Sicherheit und Ordnung. Viel vom gesicherten und geordneten Gestern ist nicht geblieben. Wohnung, Mobiliar, Auto in der Reisekasse. Job am Nagel.

Aber ich fühle mich wohlsituiert mit meinen sieben Freibriefen vom Jugendherbergsausweis bis zur American Express Card. Mit meinem Schweizer Offiziers-Taschenmesser (14 Werkzeuge!), gut verkettet am Gürtel. Mit meiner dicken Apotheke (inklusive Penicillin für dumme Mädchengeschichten und Antibiotika zum Verkaufen) und impfgefeit gegen alles, was wie Seuchen klingt. Mit meinem stillen Kapital von neun Adressen, die sich hoffentlich so nobel erweisen, wie sie klingen. Mit meinen 50 Worten Theoretisch-Spanisch und den drei Abwehrschlägen Theoretisch-Karate. Ich trage schwer an Reiseführern und Kontaktgeschenken. Den Bauch wärmen mir die in die Unterhose eingenähten Reiseschecks.

Bleibt nur abzuwarten, wie lange ich all diese Reichtümer zu schleppen habe, denn böse Gerüchte von Aasgeiern, Räubern und Krankheit gibt’s zur Genüge wie vor einem Horror-Trip in den Hades.

Aber ebenso klingen mir noch verzückte, nie verzagte Bewunderungsrufe im Ohr, wie gut ich es doch habe, frei wie ein Vögelein (el condor pasa), und daß man sofort mitginge, wenn, ja wenn Weib und Kind nicht...