Zusätzliche Einnahme von Vitamin E als Medikament gegen allerlei Bresthaftigkeit, als kraft- und potenzsteigerndes Tonikum oder Vorbeugungsmittel gegen Herzinfarkt, ist medizinisch wirkungslos. So befand eine Forschergruppe der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, die mit der Prüfung des als Wundermittel besonders von Reformhäusern gepriesenen Vitamins beauftragt war. Nur in zwei Fällen, so erklärte der Leiter dieses Teams, der Biochemie-Professor Lavell M. Henderson, sei eine Behandlung mit Vitamin-E-Extragaben vielleicht angezeigt, nämlich bei zu früh geborenen Babys und bei Personen, die unter einer höchst selten auftretenden Störung des Fettstoffwechsels leiden. Ansonsten brauche niemand Vitamin-E-Pillen oder das an diesem Wirkstoff besonders reiche Weizenkeimöl einzunehmen. Denn vom Vitamin E ist in der landläufigen Nahrung, vor allem in Pflanzenölen, Margarine und in Getreideprodukten, stets viel mehr vorhanden als ein Mensch benötigt.

Irgendwelche vom Vitamin-E-Mangel herrührenden Krankheiten oder körperliche Unzulänglichkeiten sind bei Menschen nicht beobachtet worden, heißt es im Bericht der Akademie. Bekannt sind solche Mangelzustände nur bei einigen Tierarten; Ratten zum Beispiel werden unfruchtbar, wenn man ihnen Vitamin E gänzlich vorenthält. Aus solchen Tierversuchen aber zu schließen, daß der menschliche Organismus ähnlich reagiert und deshalb zum Beispiel Vitamin E die Fruchtbarkeit oder die sexuelle Potenz zu fördern vermag, erklären die Forscher aus Washington für unzulässig. In der Tat unterscheiden sich verschiedene Tierarten außerordentlich stark in bezug auf ihren Vitaminbedarf (so gibt es Tierspezies, die kein Vitamin C benötigen, ohne das ein Mensch nicht lange leben kann).

Die Arbeitsgruppe der Akademie hatte den Forschungsauftrag von dem Committee on Nutritional Misinformation erhalten, einer neuen Abteilung der US-Gesundheitsbehörde, die sich mit der Prüfung von Werbebehauptungen der Nahrungsmittelindustrie und der Hersteller diätetischer Nahrungszusätze befaßt. Daß sich das Komitee zuerst des Vitamins E annahm, ist verständlich, weil sowohl Vitamin-E-Kapseln als auch Weizenkeimprodukte mit ganzen Katalogen von angeblich segensreichen Wirkungen dieser Substanz werben, deren tatsächliche Wirksamkeit schon seit langem mangels wissenschaftlicher Nachweise angezweifelt wird.

In der Bundesrepublik wird nicht minder lautstark für Yitamin-E-Zusätze, sei es als Medikament oder in Form von speziellen diätetischen Nahrungsmitteln, Reklame gemacht. Anders als in den Vereinigten Staaten wird sich hierzulande daran auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Denn in der Bundesrepublik gibt es keine Behörde, die den Werbern für angebliche Kraft- oder Wundernahrung auf die Finger sieht.

Sogar in Apotheken kann man heute noch Vitamin-E-Präparate kaufen, die mit der Behauptung angepriesen werden, sie könnten Hexenschuß lindern, Herz- und Gefäßerkrankungen heilen, männliche sowie weibliche Fertilitätsstörungen beseitigen und bei Beschwerden in den Wechseljahren Erleichterung schaffen. All dies dürfte ein amerikanischer Arzneimittelhersteller nicht behaupten, denn in den USA müssen – im Gegensatz zur Bundesrepublik – Wirkungen von Medikamenten wissenschaftlich nachgewiesen werden, ehe man sie gläubigen Ärzten oder Patienten als „Wahrheit“ andient.

Besonderer Beliebtheit erfreut sich Vitamin E bei den Herstellern jener Präparate, die hierzulande in den wie Pilze aus dem Boden schießenden Sexshops feilgeboten werden – für Preise, die selbst Apotheker zum Erbleichen bringen. In Liebeströpfchen, die spröde Mädchen amourös machen sollen, oder Potenzpillen für den Mann ist Vitamin E (hier freilich mit dem aufregender klingenden chemischen Namen alpha-Tocopherolacetat bezeichnet) das Hauptingredienz,

Gefährlich ist ein Zuviel des Stoffes, der manchmal „das Vitamin auf der Suche nach einer Krankheit“ genannt wird, wohl kaum. Doch warnen Doktor Henderson und seine Mitarbeiter: „Die unsinnigen Behauptungen über die Heilkraft des Vitamins verführen sicher manchen ernsthaft Kranken dazu, sich selbst damit kurieren zu wollen, statt einen Arzt aufzusuchen und sich wirksame Medikamente verschreiben zu lassen. -ow