Von François Bondy

Die „Rencontres Internationales de Genève“ sind das einzige regelmäßige internationale Gespräch, das in der Schweiz stattfindet. Sie hatten 1946 mit einer Kontroverse zwischen Karl Jaspers und Georg Lukács glanzvoll begonnen, hatten später einige blasse Jahre und haben unter dem Impuls des Ideen- und Literaturhistorikers Jean Starobinski jetzt wiederum den Charakter eines geistigen Ereignisses angenommen, das die Reise lohnt. Dieses Jahr war das Thema: „Das religiöse Bedürfnis.“ Den Auftakt bildete ein Vortrag des sechsundvierzigjährigen polnischen Philosophen Leszek Kolakowski, der aus Oxford kam, wo er am All Souls’ College wirkt. Der Titel: „Die Revanche des Heiligen in der profanen Kultur.“

Kolakowski stellte die Frage nach dem „unzerstörbaren Restbestand im religiösen Phänomen“, nach der Notwendigkeit eines – allerdings stets selbstkritischen – Konservatismus der Werte, er sah in kirchlichen Tendenzen zur Säkularisierung und zur Anpassung an moderne Trends für das Christentum weniger eine Chance des Überlebens als die Gewißheit des Untergangs, nannte „aggiornamento“ ein „bizarres Wort“. Er wendete sich vor allem gegen eine totale „Heiligung des Alltags“, des ganzen profanen Bereichs, die ihm als der theologische Kern dieser Neuerung erscheint. In der Diskussion des folgenden Tages hielt ihm die Theologin Dorothee Sölle einige Thesen entgegen, darunter das „unendliche Ja des Glaubens, das alle Formen des Lebenden umschließt und die Einheit zwischen ihnen stiftet“.

Leider waren es zu viele Diskussionsteilnehmer; statt sich auf einige wesentliche Themen zu konzentrieren, mußte Kolakowski sich mit einer Fülle von Fragen herumschlagen – sie schienen ihm so bedrückend, daß er zeitweise den Kopf auf die Tischplatte legte und vom Publikum her wohl unsichtbar wurde.

Eine dieser Fragen schien ihm unbequem – „maliziös“ nannte er sie. Sie betraf die Stellung des Philosophen, der den Kampf zwischen der konservativen Besinnung auf erhaltenswürdige Werte und den Kräften des Fortschritts als unaustragbar erklärte. Auf welche Seite der Philosoph sich selber schlage? Kolakowski entgegnete, der Philosoph stehe nicht überlegen und schiedsrichterlich über den Streitenden, sondern so gut wie möglich auf beiden Seiten zugleich, Eine bemerkenswerte Antwort; der Philosoph, von dem Kolakowski wohl am weitesten entfernt ist, Sartre, der an die zukunftsbestimmte Selbstsetzung des Menschen glaubt, schreibt in „Das Sein und das Nichts“, daß er zwischen dem subjektiven Ich und den objektiven Weltverhältnissen nicht wähle, sondern nach beiden Seiten extrem sein müsse.

Dem Gesprächsteilnehmer, der jene maliziöse Frage gestellt hatte, war es eine Freude, anderntags mit Leszek Kolakowski ausführlich weiterreden zu können. Das hier folgende „Gespräch“ ist das Ergebnis. Zu seinem besseren Verständnis ist folgendes vorauszuschicken: Kolakowskis umfangreichstes Werk – „Christen ohne Kirche – Das religiöse Bewußtsein und die konfessionelle Bindung im 17. Jahrhundert“, mehr als 800 Seiten in der gekürzten französischen Ausgabe bei Gallimard – liegt deutsch nicht vor und wird auch in deutschen Arbeiten über Kolakowski nicht gebührend berücksichtigt. Den recht abrupt wirkenden Schluß des Gesprächs über die Notwendigkeit des Teufels werden jene Leser besser verstehen, die Kolakowskis Buch „Gespräche mit dem Teufel“ (Piper) kennen; Ein im Sonderprogramm des Bayerischen Rundfunks gesendeter, noch nicht gedruckter Essay „Kann der Teufel erlöst werden? Eine marxistische Antwort“ begründet die hier schroff wirkende Aussage eingehend. Auch ist im „Traktat über die Sterblichkeit der Vernunft“ (Piper) der Essay „Lob der Inkonsequenz“ im diesem Zusammenhang zu beachten. Zum Thema jenes Genfer Kolloquiums ist schließlich in Kolakowskis neuem Buch „Gegenwärtigkeit des Mythus“ folgende Stelle relevant: „Das legitime Bedürfnis nach dem Mythus angesichts der legitimen Selbstverteidigung gegenüber der Gefahr des Mythus – dieser Zusammenstoß bildet den neuralgischen Punkt unserer Zivilisation.“

Sie stellen einen Bereich der Werte, der Sinngebung, des Heiligen, des Mythus dem alltäglichen Leben und seinen unmittelbaren Interessen und Bestrebungen gegenüber. Der Sinn sei aus dem Gegenwärtigen, dem Tatsächlichen – so sagen Sie – nicht abzuleiten. Dieser Sinn kommt hinzu, und zwar aus der Schatzkammer Vergangenheit. Ohne Traditionen, in denen sie überliefert werden, gebe es keine Werte. Wir dürften deshalb die Vergangenheit nicht einfach hinter uns lassen und, wie ein amerikanischer Denker es tat, den „Tod der Vergangenheit“ proklamieren.