Über die Voraussetzungen und die Grenzen eines politischen Begriffs

Von Kurt Sontheimer

Wir sehen uns heute einer geistigen Situation gegenüber, in welcher die Idee der Toleranz an Überzeugungskraft eingebüßt zu haben scheint. Sinn und Plausibilität des Toleranzgedankens sind selbst in den auf Freiheitsrechten basierenden politischen Ordnungen zweifelhaft geworden, seit Herbert Marcuse den an sich absurden Begriff von der „repressiven Toleranz“ in die Debatte warf und sogar Beifall dafür erhielt. Absurd ist die Marcusesche Kombination von Toleranz und Repression deshalb, weil Toleranz ja gerade das Gegenteil von Repression, d. h. Unterdrückung, will; eine repressive Toleranz beruht also entweder auf einem Mißbrauch der Toleranzidee oder auf einer fehlerhaften, mißbräuchlichen Terminologie.

Aber nicht nur der überkommene Begriff der Toleranz wird unter den heutigen gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen demokratischer Industriegesellschaften in Frage gestellt, zugleich wird im Verhältnis von Individuen und Gruppen die Intoleranz immer spürbarer. Die aus dem Geist liberaler Toleranz entwickelten Regeln des sozialen Umgangs sind zumindest in einigen Bereichen des öffentlichen Lebens deutlich aufgeweicht worden; am stärksten dort, wo ein Konsensus über die Ziele und Wertorientierungen einer Institution nur noch mit großer Mühe aufrechterhalten werden kann. Dies gilt zuvörderst für den akademischen Bereich, wo der mit dem Toleranzgedanken verbundene wissenschaftliche Pluralismus der Methoden und Lehrmeinungen nicht mehr von allen Seiten respektiert und toleriert wird; dies gilt nicht minder für innerparteiliche Auseinandersetzungen, in denen der Geist toleranter Auseinandersetzung mehr und mehr vermißt wird; dies gilt schließlich für die gesamte Gesellschaft der Bundesrepublik, die unsicher geworden ist, wie weit ihre Toleranz gegenüber Nonkonformisten gehen darf und die in ihrem Bemühen, Reichweite und Grenzen ihrer Toleranz zu bestimmen, unsicher schwankt, wie die Diskussion um den „Radikalen-Erlaß“ zeigt.

Was aber ist Toleranz? Wenn wir von jemandem sagen, er sei tolerant, so meinen wir damit in aller Regel das Verhalten eines Menschen, der seine Mitmenschen gutwillig gewähren läßt, sie in ihrem Tun und Denken nicht einschränkt. Bei dieser landläufigen Vorstellung von Toleranz geht jedoch etwas vom ursprünglichen Sinn des Begriffes verloren. Denn tolerieren bedeutet ja nicht so sehr gewähren lassen, als vielmehr ertragen, dulden. Ich muß einen anderen Menschen oder, wenn wir von sozialen Gruppen sprechen, eine andere Gruppe nur dann ertragen, wenn ich nicht mit ihm oder ihr übereinstimme. Wenn ich etwas ohnehin billige, bedarf es nicht der Toleranz. Zum Tolerantsein gehört also begriffsnotwendig eine Art von Mißbilligung dessen, was einer tut oder denkt. Toleranz ist eine Tugend, ein moralisches Verhalten, und zur Idee – der Tugend gehört unabdingbar, daß sie nicht die

bloße Folge unserer natürlichen Neigungen, sondern das Ergebnis einer moralischen Anstrengung ist. Tolerant sein bedeutet also, sich mit etwas abfinden, obwohl es einem gegen den Strich geht.

Im Interesse der Freiheit