Mit 15 Prozent ins Verhängnis?

Die fetten Jahre sind nun vorüber

Von Marion Gräfin Dönhoff

Selten hat ein neues Jahr in der Bundesrepublik mit so vielen Schreckensbotschaften begonnen. Verdreifachung des Ölpreises, wodurch vermutlich die Milliardenüberschüsse unserer stets aktiven Handelsbilanz mit einem Schlage in ein Defizit verwandelt werden. Warnstreiks und Lohnforderungen der Gewerkschaften, die bei Bewertung aller Nebenansprüche etwa 20 Prozent betragen, wo schon 10 Prozent die Wirtschaft mit 50 Milliarden Mark belasten würden. Schließlich: mehr Inflation und weniger Wachstum.

Zwanzig Milliarden mehr für Mineralöl, mehr als 50 Milliarden zusätzlich für Löhne und Gehälter – wo soll das alles herkommen? Im vorigen Jahr ist das Sozialprodukt noch um 5,5 Prozent gewachsen, für 1974 hat Wirtschaftsminister Friderichs eine Wachstumsrate vorausgesagt, „die gegen Null tendieren wird“. Also, wachsende Ansprüche bei gleichbleibendem Kuchen: Wir werden wohl Uri Geller zum Finanzminister machen müssen, um solche Wünsche befriedigen zu können; Helmut Schmidt dürfte kaum in der Lage sein, dieses übernatürliche Wunder zu vollbringen.

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Nehmen wir nur einmal die Autoindustrie, die von beidem betroffen ist: vom hohen Benzinpreis und von den steigenden Löhnen. In der Bundesrepublik stehen zur Zeit etwa eine Million Gebrauchtwagen „auf Halde“ und rund 400 000 fabrikneue Wagen auf Lager. So viele unverkaufte Fahrzeuge hat es hierzulande noch nie gegeben. Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagenwerkes, Rudolf Leiding, meint, wenn die sechs VW-Werke alle Forderungen der Gewerkschaften erfüllen wollten, müßte jeder Volkswagen – unter Berücksichtigung der Tatsache, daß auch die Materialkosten erheblich steigen werden – rund 1000 Mark mehr kosten. Träte dieser Fall wirklich ein, so würde das Tief in der Wohnungsbau-Konjunktur sehr bald von der Absatzkrise der Autoindustrie übertroffen werden.

Zwei Millionen Angestellte und Arbeiter des öffentlichen Dienstes (einschließlich Post und Bahn) fordern zur Zeit 15 Prozent Lohnerhöhung, zuzüglich Urlaubsgeld von 300 Mark, teilweise von 400 Mark. Die Postgewerkschaft verlangt zusätzlich noch Urlaubsverlängerung und Erhöhung der Beihilfen zu jedem Lehrgang um 175 Mark. Heinz Kluncker, der Durchhalte-ÖTV-Chef, fühlt sich offenbar als Partisanenheld – in der Report-Sendung sagte er: „Wir müssen die Arbeitgeber treffen, wo wir können“ –, er hat anscheinend ganz vergessen, daß seine Tarifpartner der Bund, die Länder und Gemeinden sind, daß er also nicht irgend jemandes Profite schmälert, sondern daß es die Arbeiter sind, die letzten Endes die Zeche bezahlen müssen. Denn überhöhte Lohnforderungen zeitigen nun einmal in der Wirtschaft ein zusätzliches Beschäftigungsrisiko.

Kluncker läßt aber ganz außer acht, daß die Mitglieder seiner Gewerkschaft das große Privileg haben, praktisch unkündbar zu sein, während es zur Zeit in der freien Wirtschaft 500 000 Arbeitslose und 100 000 Kurzarbeiter gibt. Beide Zahlen werden in den nächsten Monaten noch wesentlich steigen.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat bei der Analyse, wie sich die Lohnpolitik auf die Konjunkturentwicklung auswirkt, zwei hypothetische Alternativen untersucht: Was geschieht, wenn die Effektivverdienste um 10 Prozent, was, wenn sie um 12 Prozent steigen? Antwort: Im ersten Fall bleibt die Arbeitslosenquote bei 2 Prozent, im zweiten Fall steigt sie auf 3 Prozent. Mit anderen Worten: Mit ihren Forderungen entscheiden die Gewerkschaften selbst über den Beschäftigungsstand.

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