Ein Kommunismus ohne Marxisten – Sonderbare Spezialitäten einer Nachbarnation

Von Stefan Kisielewski

In Wien erscheint seit Sommer 1973 eine neue Zeitschrift: die „Europäische Rundschau“. Sie versteht sich als Diskussionsforum zwischen Ost und West, als Instrument gesamteuropäischer Kommunikation. In der Vierteljahresschrift sollen Wissenschaftler, Politiker, Diplomaten, Publizisten aus beiden Teilen Europas zu Wort kommen „ohne Rücksicht auf ihren politischen oder ideologischen Standort“. Der Artikel des polnischen katholischen Publizisten Stefan Kisielewski, der bis 1965demParlament in Warschau angehörte, ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Frühjahrsheft.

Während meines mehrmonatigen Aufenthaltes im Westen, in Europa und Amerika, mußte ich feststellen, daß kaum jemand etwas über das heutige Polen weiß und niemand an seinen Problemen Interesse hat. Ein 33 Millionen Einwohner starkes katholisches Land, zwischen Rußland und Deutschland, von Marxisten regiert, ist in Vergessenheit geraten.

Vorbei und vergessen der nationale Aufschwung vom Oktober 1956, die unergründeten studentisch-literarischen Unruhen vom März 1968, schließlich der blutige Arbeiteraufstand an der Ostseeküste vom Dezember 1970, der immerhin zum erstenmal in der Geschichte zur drastischen Absetzung des Ersten Sekretärs einer kommunistischen Partei geführt hat. All dies wurde überschattet vom „Prager Frühling“, von den heroischen russischen Dissidenten, vom Problem der Auswanderung sowjetischer Juden, schließlich vom Nahost-Krieg und von dem „Ölkrieg“ mit den Arabern. Die internationalen Kreise der „fortschrittlichen“ und „humanistischen“ Intelligenz haben Polen abgeschrieben; um die 33 Millionen Menschen an der Weichsel ist es still geworden. Warum? Ist dies ein zu langweiliges oder anders: ein zu schwieriges Land?

Dieser ganze Komplex: Gleichgültigkeit, Fremdheit, Unterschätzung, führt wie jede „Freudsche Krankheit“ zu psychischen Folgen in Form von versteckter Bitternis, innerer Abkapselung, krankhaftem Mißtrauen. Czeslaw Milosz hat in seinem einst berühmten Buch „Verführtes Denken“ eine legendäre Sekte beschrieben, die einen Kult, genannt Ketman, betreibt. Ketman – das heißt eine maximale innere Freiheit praktizieren, die durch absolutes Sichabschließen ermöglicht wird: Wer seine Gedanken und Gefühle nicht nach außen manifestiert, kann nicht verfolgt werden, wird ungreifbar, ergo ganz und gar frei, aber um den Preis des Schweigens.

Brauchen also Länder wie Polen wirklich Reklame oder umgekehrt, eine Stille, die die scheinbare Statik der Situation nicht, stören und den mächtigen Nachbarn nicht aufscheuchen würde? Dieser letzteren Ansicht ist die heutige pragmatische und überaus vorsichtige Führung der polnischen Partei, darauf bedacht, selbst eigene, allzu weltanschaulich gefärbte Formulierungen zu vermeiden, um den Teufel nicht an die Wand zu malen und kein gefährliches Echo von Prager Frühlingen oder Warschauer Herbsten zu wecken. Diese Jahreszeiten gehören möglichst gründlich und möglichst allgemein vergessen. Im offiziellen Leben Polens ist heute nicht viel von Marxismus, Katholizismus und überhaupt von irgendwelchen „Ismen“ zu spüren – offenbar wird ausnahmslos jedes theoretisierende, auf irgendeine Ideologie sich berufende Denken von der Parteiführung schon als ein Übermaß an Reklame betrachtet, daher als Gefahr, als Bedrohung der wohltätigen Stille. Schweigt doch der, der die Verantwortung für das Wort trägt.