Ausschaben oder absaugen?Seite 2/3

Inzwischen hat sich der ambulante Abbruch mit der Absaugmethode in Holland, England, USA und Japan so gut bewährt, daß auch die am 25. und 26. April 1974 zu verabschiedende bundesdeutsche Strafrechtsreform – im Gegensatz zur DDR – keinen Klinikaufenthalt vorschreibt. Daher dürfen die Schwangerschaftsabbrüche künftig sowohl von niedergelassenen Ärzten in ihren Praxen als auch in klinischen Ambulanzabteilungen vorgenommen werden.

Dennoch wäre es falsch zu behaupten, der Schwangerschaftsabbruch sei durch die Absaugmethode risikolos geworden. Menschliches Versagen läßt sich niemals ganz ausschließen. Ein bekannter bundesdeutscher Frauenarzt, der viele hundert Frauen in holländischen Spezialkliniken überwiesen hat, stellte bei rund zwei Prozent der Fälle ernste Komplikationen fest, zum Beispiel Verletzungen der Gebärmutter und Risse im Gebärmutterhalskanal. In einem Fall hatte sich die Schwangerschaft trotz Absaugens weiterentwickelt. Solche seltenen Pannen kommen auch beim Abbruch mit der Metallkürette vor. Die einzige Kontrolle: eine Woche nach dem Abbruch erneuter Schwangerschaftstest.

Allerdings ist das statistische Risiko des ambulanten Schwangerschaftsabbruchs im Verhältnis zum Risiko der Geburt minimal. So muß in rund 5 Prozent der Geburtsfälle ein Kaiserschnitt vorgenommen werden. In etwa 10 Prozent der Fälle sind vaginaloperative Geburtseingriffe notwendig. Bei 2 bis 3 Prozent der Geburten entstellen starke, unter Umständen lebensgefährliche Blutungen. Die Müttersterblichkeit unter der Geburt beträgt in den besten Kliniken 0,05 Prozent, in Kliniken ohne geburtshilflich-gynäkologische Fachabteilung 0,3 Prozent. Dagegen gibt es bei ambulanten Schwangerschaftsabbrüchen in Kliniken keine Todesfälle. Mit anderen Worten: Für eine Frau ist es erheblich riskanter, ein Kind sur Welt zu bringen, als vom Arzt einen Abbruch vornehmen zu lassen.

Das geringste Risiko besteht im ersten Monat. In diesem Stadium hat die Leibesfrucht wenig mit einem Menschen gemein. Der Embryo ist nur einen Zentimeter lang, hat noch einen Schwanz und Kiemenbögen. Die Glieder bestehen nicht einmal im Ansatz. Der Muttermund der Schwangeren braucht kaum geweitet zu werden, und die Prozedur ist oft schon nach 30 Sekunden beendet.

Erheblich anders sieht der Eingriff im 3. Monat aus. Dann hat der Fötus eine Länge von 9 Zentimetern. Die Entfernung durch Absaugen oder Ausschaben ist nicht mehr so einfach. Die gleiche Abbruchmethode kann praktisch bis zur 14. Woche angewandt werden. Doch das ist der äußerste Zeitpunkt. Danach wird es komplizierter. Manchmal muß die Schwangerschaft durch Aufschneiden der Gebärmutter (wie bei einem Kaiserschnitt) abgebrochen werden. Die neueste und schonendste Methode von der 14. Woche an ist die Einleitung vorzeitiger Wehen durch ein Hormon. Das Verfahren wird in der Bundesrepublik seit sechs Jahren von Professor Dr. Weinen Breckwoldt, Leiter der Abteilung Endokrinologie der Universitäts-Frauenklinik Freiburg i. Br., bei schwerkranken Frauen angewandt, deren Schwangerschaften aus dringenden medizinischen Gründen zum Teil noch in der 20. Woche abgebrochen werden müssen. Früher war für diese Frauen der operative Eingriff oft gefährlicher als das Austragen der Schwangerschaft. Allerdings müssen sich die Frauen unter. Umständen mit einer Tropfinfusion bis zu 24 Stunden abfinden. Die dadurch einsetzenden Wehen treiben den Fötus auf natürliche Weise ab, genau wie bei einer Geburt. Ein weiterer Vorteil der Methode ist die Ungefährlichkeit des angewandten Hormons. Es heißt Prostaglandin.

Im Februar dieses Jahres wurde das Prostaglandin in den USA für den Arzneimittelmarkt und für den Schwangerschaftsabbruch freigegeben. Seitdem sind in New York Bestrebungen im Gange, den Abbruch bis zur 26. Woche strafrechtlich freizustellen. Da die Lebensfähigkeit der Frucht mit Ablauf der 28. Woche beginnt, käme die Gesetzreform einer totalen Freigabe gleich. Diese Forderung wurde von der amerikanischen Women’s-Lib-Bewegung schon immer gestellt. Die bundesdeutsche Frauen-Aktion 218 hat sich ihr seit 1971 angeschlossen.

Aus der Sicht der emanzipierten Frauen ist die Forderung logisch. Wenn sie allein über ihren Körper und den Inhalt der Gebärmutter bestimmen wollen, kann die Selbstbestimmung nicht mit dem 3. Monat aufhören. Außerdem besteht kein logischer Unterschied, ob ein Embryo vier Wochen oder ein Fötus 26 Wochen alt ist. Entweder handelt es sich um ein schutzbedürftiges Lebewesen. Oder es ist ein Teil der Mutter bis zur Geburt. Dennoch gibt es erhebliche psychologische Sperren. Daher lehnen die 14 Berliner Ärzte, die sich ansonsten mit der Frauen-Aktion 218 solidarisch erklären, die totale Streichung des Paragraphen 218 ab.

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