Arbeiter, das sind Hilfsarbeiter, Facharbeiter, Akkordarbeiter, Schlosser, die nur noch als Transportarbeiter unterkommen, Frauen am Montageband einer Telephonfabrik, Kesselbauer, deren Produktion stillgelegt werden soll, Pendler und Gastarbeiter, Vertrauensleute und Betriebsräte. Vor Jahren waren sie kaum mehr als exotische Randfiguren auf Bildschirm und Leinwand oder fristeten im Getto des Zielgruppenfilms ein kümmerliches Dasein. Inzwischen sind aber Arbeiter zu den Lieblingsfiguren vieler Autoren, Regisseure und Redakteure geworden. Seit Christian Ziewer und Klaus Wiese vor zwei Jahren mit ihrem ersten Spielfilm „Liebe Mutter, mir geht es gut“ bewiesen, daß die Arbeitswelt und ihre Konflikte nicht nur ein Stoff für verkrampfte Traktate und endlose Interviews, sondern auch für spannende Geschichten sind, hat sich ein Filmgenre entwickelt, das sich konkreter als alle anderen auf die sozialen Spannungen der letzten Jahre bezieht.

Ziewer und Wiese erzählten in „Liebe Mutter, mir geht es gut“ von den Erfahrungen eines westdeutschen Arbeiters in Berlin während der Rezession 1966/67. In ihrem neuesten – soeben während der Berlinale uraufgeführten – Film „Schneeglöckchen blühn im September“ berichten sie von einer Akkordkolonne und versuchen (nach Ziewer) „einige Ereignisse zu erklären, die im September 1969, während der Tarifkämpfe 1971/72 und in den großen Auseinandersetzungen um Teuerungszulagen 1973 stattgefunden haben“.

Es ist fast schon ein eigenes Filmgenre: Valeska Schöttle zeigte in „Wer braucht wen?“ das Zustandekommen der Solidarität unter Arbeiterinnen; Ingo Kratisch und Marianne Lüdcke zielten in ihren Filmen „Die Wollands“ und „Lohn und Liebe“ vor allem auf den Zusammenhang zwischen individuellen und kollektiven Erfahrungen, zwischen den Problemen in der Freizeit, in der Familie und den Konflikten am Arbeitsplatz; Max Willutzki erweiterte mit „Der lange Jammer“ das Thema um die Mietersituation in einem Arbeiterviertel und wurde dafür sogar mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.

Zwar kommen diese Regisseure und Autoren aus dem Umkreis der Berliner Film- und Fernsehakademie, die sich seit Jahren durch die politischen Arbeiten ihrer Schüler profiliert. Aber inzwischen haben sie an fast allen Fernsehanstalten und sogar an der bislang dem Sensibilismus verschriebenen Münchner Hochschule für Fernsehen und Film Nachfolger gefunden. Selbst der eher auf Hollywood-Melodramen fixierte Rainer Werner Fassbinder griff mit seiner Familienserie „Acht Stunden sind kein Tag“ die Arbeitswelt auf, löste trotz vordergründiger Effekte und unklarer Vorstellungen Diskussionen aus und half so, das Genre durchzusetzen. Und schließlich verweist in diesen Monaten eine Retrospektive des proletarischen Filmschaffens in Deutschland vor 1933 auf die jahrzehntelang unterdrückte und vergessene Tradition, an die die neuen Filme mehr oder weniger bewußt anknüpfen. Diese Filme laufen im Juli in Hannover, im August im Berliner „Arsenal“, im September in Frankfurt und Duisburg, im Oktober in Köln, Düsseldorf, Hamburg, Marburg und Kassel.

„Schneeglöckchen blühn im September“ – der WDR hat den Film mitproduziert und wird ihn im November im Ersten Programm ausstrahlen – ist das bisher überzeugendste Beispiel dieses Genres. Eine differenzierte politische Analyse der Wirklichkeit, eine an dialektischen Wendungen reiche Dramaturgie, sorgfältig aus konkreten Widersprüchen entwickelte Figuren und handwerklicher Professionalismus verbinden sich hier zu einem im westdeutschen Film bisher noch nicht erreichten kritischen Realismus. Zwischentitel gliedern den Film in vier Kapitel und ein Nachspiel, Songs der Lokomotive Kreuzberg gewinnen ihm Akzente ab, die immer wieder über den konkreten Einzelfall hinausweisen.

Es geht, wie in allen Filmen des Genres, um die Schwierigkeiten, solidarisches Handeln zu entwickeln. Zwar setzt sich die Akkordkolonne im Kesselbau eines Berliner Betriebs zunächst mit ihrer Forderung nach einer erhöhten Ausgleichsprämie durch. Doch die Solidarität zerbröckelt sehr schnell wieder, als der Betrieb an einen Konzern verkauft wird, die Einstellung der Kesselproduktion droht und man aus Angst um den Arbeitsplatz sogar Lohnkürzungen hinnimmt. Einer, der sich dem teuren Hobby des Rallyesports verschrieben hat, erreicht eine individuelle Sonderzulage, damit er seine Kündigung zurücknimmt und keine Unruhe in den Betrieb bringt. „Hier muß jeder selber sehen, daß er zu was kommt“, verteidigt er sich. Erst als ein Vertrauensmann sich mit einem schlauen Betriebsrat verbündet, gelingt es, die anderen, voll ausgelasteten Abteilungen des Betriebs zu mobilisieren und die Verhandlungsposition des Betriebsrats so zu stärken, daß dieser einen verbesserten Sozialplan für die Kesselbauer und eine allgemeine Teuerungszulage erwirken kann. Die Arbeiter singen „So ein Tag, so wunderschön wie heute...“ Aber der Vertrauensmann holt sie während einer euphorischen Siegesfeier wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück.

Spannung bezieht dieser Film aus den zentralen Konflikten selbst, nicht, wie viele proletarische Filme in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart, aus melodramatischen und kolportagehaften Farbelementen, die einem vermuteten, von der Trivialliteratur und der gängigen Kino- und Fernsehunterhaltung geprägten Zuschauerbedürfnis entsprechen sollen. Das führt dazt, daß in Ziewers Film sehr viel konkreter „aus der Bewegung der Realität Bewußtsein von dieser Realität entwickelt wird“ (Ziewer). So geraten die Hauptpersonen immer wieder aus dem Blickfeld, Nebenpersonen setzen Haupthandlungen fort. „Der Film konstituiert sich durch das Gefüge kollektiver Beziehungen und Aktionen“, charakterisiert Ziewer treffend seine realistische Dramaturgie.