Die Ängste und Bekenntnisse des Nachrichtensprechers

Von Ben Witter

Als ich ihn anrief, sagte er: „Ich habe gerade ein Schweinefilet auf dem Teller.“ Ich sagte: „In einer Viertelstunde können Sie damit fertig sein“ und rief ihn dann wieder an. Er hatte sich gerade eine Zigarette angezündet und machte einen tiefen Lungenzug und sagte: „Seit dem Abdruck von Ausschnitten aus meinem Roman „Bei Einbruch der Dämmerung‘ in einigen Zeitungen und Zeitschriften ist mir überhaupt nicht mehr zum Reden zumute, und jetzt kommen Sie. Bisher haben nur Journalisten der dritten Garnitur. an mir ihr Talent ausprobiert, und was daraus geworden ist, weiß doch jeder. Ich möchte lieber schweigen.“ Ich sagte: „Das sagen Sie jetzt nur so, ich rufe Sie nächste Woche wieder an.“

Dann sagte er: „Ich sitze gerade vor einem Steak, und meine Freunde haben mir empfohlen, auf Tauchstation zu gehen.“ Ich sagte: „Und jetzt werde ich Sie davon überzeugen, daß Sie nicht untertauchen dürfen.“ Er sagte nach einer halben Stunde: „Also dann bis Freitag, den 13. September, um zwanzig Uhr fünfzehn vor der roten Tür des Nachrichtenstudios.“

Er war noch geschminkt und warf einen kritischen Blick auf meine Hose. Seine Hose hatte keine Quetschfalten, und sein Anzug war blaßblau. Wir gingen in die Sprechergarderobe. Auf der Liege mußte jemand geschlafen haben, die Kopfkissen waren zerwühlt. Köpcke sagte, er könne auf der Liege nicht einmal liegen und legte das Jackett auf die Liege und band den Schlips ab. Dann nahm er Platz und zündete sich eine Zigarette mit einem englischen Feuerzeug aus Silber an, und das duffe 18karätige Goldarmband der weltbekannten Schweizer Armbanduhr rutschte tiefer. Er stützte seinen Kopf auf den Zeigefinger der linken Hand, und während ich meine Blicke noch auf dem Feuerzeug hatte, sagte er:

„Ich bin ein Ästhet, und sogar im Krieg habe ich mir nach Fronteinsätzen im Panzerspähwagen wieder einen Schlips umgebunden, zur Uniform gehörte auch ein Schlips.“ Ich wußte nicht, daß er nach dem Abitur ein Vierteljahr kaufmännischer Lehrling gewesen war und nach dem Krieg bei Radio Bremen drei Jahre Rundfunk gelernt hatte. In Bremen wurde ihm gesagt, das Nachrichtenverkaufen sei seine Stärke, und mit dieser Überzeugung ging er nach Hamburg zum Hörfunk.

Briefe von Frauen