Im Ruhrgebiet kämpfen Bürgerinitiativen um die Erhaltung alter Zechenkolonien

Von Rolf Düdder

Uns allen steht“, wetterte der Rentner Ernst Honak, „der Bagger doch sozusagen vor der Tür.“ Honak, er ist Sprecher der Bürgerinitiative Bergmannsplatz in Duisburg-Neumühl, will sich das nicht länger bieten lassen. Gemeinsam mit den Bewohnern anderer alter Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet kämpft er gegen die Sanierungsabsichten eifriger Stadtplaner, die moderne Wohnblocks dorthin setzen wollen, wo das traditionelle Bild des Kohlenpotts heute noch von den grauen, einstöckigen Zechenhäusern – den sogenannten Kolonien – bestimmt wird. In Duisburg-Neumühl bildeten fünf Bürgerinitiativen – „Eisenheim“ Oberhausen, „Flöz Dickebank und Umgebung“ aus Gelsenkirchen-Ückendorf, „Zechenhäuser“, „Bergmannsplatz“ und „Runde Hecken“ aus Neumühl – gerade die erste überörtliche Arbeitsgemeinschaft, zu der weitere Bürgerinitiativen stoßen wollen. Tenor des Zusammenschlusses: „Wenn wir einzeln nichts erreichen, müssen wir gemeinsam Druck auf die Parlamente ausüben.“

Quadratmeter für 1,50

In Duisburg entzündete sich der Bürgerzorn am ’Sanierungsgebiet Neumühl, einem Bergarbeiter-Stadtteil im Norden der Stadt. Als am 8. Dezember 1962 auf der Zeche „Neumühl“ die letzte Schicht verfahren wurde, verlor – so der städtische Obervermessungsrat Hugo Neise – „der ganze Stadtteil seine wirtschaftliche Basis“. 4000 Arbeitsplätze gingen mit einem Schlag verloren. Die Stadt kaufte das 300 Hektar große Zechengelände einschließlich der darauf stehenden Häuser auf. Zusammen mit einem angrenzenden Gelände, ebenfalls 300 Hektar groß, sollte es saniert werden.

Die Stadt verstand darunter den Abbruch der zwischen der Jahrhundertwende und dem Jahre 1920 errichteten 5300 Wohnungen, in denen rund 18 000 Menschen lebten. 14 000 Menschen flogen aus ihren Wohnungen. Zerstört wurde die Infrastruktur in Neumühl. Was hier im letzten Jahrzehnt stattfand, gilt als der größte Kahlschlag im bundesdeutschen Wohnungswesen. Nur noch 4000 Bürger blieben in ihren vertrauten vier Wänden. An die Stelle der nur für Revierfremde grauen Kolonie-Idylle rückte die Monotonie eines neuen Märkischen Viertels, von der Willi Knühmann, Chef der Ruhrkohle-Wohnungsverwaltung West, sagt: „Das ist das Grausamste, was deutsche Architektur je verbrochen hat. Ich könnte da nicht atmen.“

Inzwischen aber, wo es fast schon zu spät ist, gibt der Obervermessungsrat Huge Neise zu, „haben sich die städtebaulichen Vorstellungen geändert. Nachdem die Wohnungsnot behoben ist, wünscht niemand mehr eine starke Verdichtung. Wir werden unsere alten Vorstellungen neu überprüfen müssen.“ Den alten Bebauungsplan 612 will der Rat der Stadt jedoch in Kraft lassen. Danach sollen weitere 1000 Wohnungen in Neumühl abgerissen werden. Die alten Buden gelten vielen Planern und Kommunalpolitikern immer noch als Schandfleck im Stadtbild. Der Rentner Ernst Honak: „Städte, die ein verklemmtes Verhältnis zu ihrer Vergangenheit haben, können ihre Zukunft kaum meistern.“